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Celle Stadt "Frauen sind fürs Schweißen prädestiniert"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Frauen sind fürs Schweißen prädestiniert"
12:35 25.08.2018
Von Dagny Siebke
In den Werkstätten der TAS verbessern sie ihre Jobchancen: Franziska Dohrmann steht gerade an der Metallbandsäge. Catharin Czybulka zeigt ihre farbenfrohe Kabine mit Spatzen und Efeuranken. Quelle: David Borghoff
Celle

Dort, wo während der NS-Zeit kriegswichtige Fallschirmseide für das Reichsluftfahrtministerium gesponnen wurde, hat heute die Technische Ausbildungsstätten GmbH (TAS) ihren Sitz. Morgens um halb zehn machen die Schweißer und Maler Pause. Ausbilder Jürgen Kruza erzählt, was passieren kann, wenn eine Schweißnaht nicht akkurat und sauber zwei Metallstücke miteinander verbindet: „Nach dem Brückeneinsturz geht es nun auch den Schweißern an den Kragen.“

Franziska Dohrmann hat bereits eine Ausbildung im Metallbau gemacht. „Ich möchte gerne wieder bei Rheinmetall arbeiten“, sagt die 29-Jährige. Nun nimmt sie an der sechsmonatigen Weiterbildung zur geprüften Schweißerin teil. Doch die Scheine verfallen wieder. Alle drei Jahre müssen die Schweißer beweisen, dass sie Theorie und Praxis beherrschen. „Je schwerer das Prüfungsstück, desto weiter ist der Geltungsbereich“, erklärt Kruza. Nur zwei Versuche hat jeder pro Werkstück. Eine Steignaht zu schweißen, ist am schwersten. Doch eine Auszubildende von Baker Hughes meisterte die Aufgabe mit links, so Krusza. „Beim Schweißen kommt es nicht auf Kraft an. Frauen sind für die Arbeit prädestiniert. Sie bringen Geduld mit und gehen einfühlsam mit dem Material um.“

Mittlerweile lernen auch Heimwerker und Bastler in drei Tagen, wie man schweißt. Kruza sagt: „Die Technik ist nicht mehr so teuer wie früher. Das Einsteigerset bekommt man schon für 1000 Euro.“ Beim vergangenen Kursus gehörten zu den acht Teilnehmern drei Frauen. Sie bastelten Rankhilfen, eine Feuerschale aus Hufeisen, Kerzenständer, Metallskulpturen und ein Treppengeländer.

Nebenan haben die Maler und Lackierer ihre Werkstatt. Fünf Kabinen sind farbenfroh und mit verschiedenen Techniken gestrichen. „Wir möchten jeden Tag einen Anreiz schaffen, herzukommen“, erzählt Ausbilder Holger Pramme. Junge Menschen, die in Hartz-IV-Familien groß geworden seien, hätten immer weniger Lust zu arbeiten. „Wenn sie selbstständig ihren Alltag bewältigen, ist das schon ein großer Schritt für sie“, so Pramme. Schließlich hätten sie häufig Probleme wie Erfahrungen mit Drogen, Schulden oder häuslicher Gewalt. Um diese zu lösen, arbeitet die TAS mit Sozialarbeitern zusammen. Trotz Fachkräftemangels sei es für die Umschüler schwierig, einen Betrieb zu finden. Pramme sagt: „Die Arbeitgeber wollen jemanden mit fünf Jahren Berufserfahrung und nicht jemanden, der frisch ausgebildet ist.“

Catharin Czybulka ist gelernte Tierpflegerin und hat in der Branche keinen Job mehr gefunden. Bei ihrer Umschulung ist sie glücklich. „Es macht mir Spaß, weil ich sowieso kreativ bin“, erzählt die 27-Jährige. Mehrere Monate tüftelte sie an ihrer Kabine. Sie kombinierte mehrere Techniken. „An der Sandsteinillusion habe ich ewig gesessen“, sagt sie. Die Spatzen und die Efeuranken gingen ihr leichter von der Hand. Bald beginnt ihr dreimonatiges Praktikum bei einer Firma in ihrem Heimatort Ovelgönne. Vielleicht entwickelt sich ja mehr daraus.