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Celle Stadt Freiheit und Selbstbeschränkung
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Freiheit und Selbstbeschränkung
12:43 29.02.2012
Braunschweiger staatsorchester. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Das Braunschweiger Staatsorchester lässt sich jedes Jahr aufs Neue etwas einfallen, um noch mehr Zuhörer zum Zyklus „Zeit für Klassik“ in die Celler Congress Union zu locken. Demnächst gibt es ein Konzert mit Filmmusik und Filmvorführung, gerade gab es ein Programm der sehr speziellen Art. Man kombinierte ein nicht gerade leicht zu hörendes Stück der Avantgarde von Annette Schlünz mit einem recht bekannten spätromantischen Werk, mit Gustav Holsts Suite „Die Planeten“. Und in der Mitte platzierte man ein Stück, das wohl eine Publikumsschicht ansprechen sollte, die ansonsten eher nicht in klassische Konzerte geht, nämlich ein Stück für Bluesband und Orchester des amerikanischen Jazzers William Russo. Und genau dieses Stück wurde zum umjubelten Höhepunkt des Konzertes.

Russos „Drei Stücke für Bluesband und Orchester“ erwiesen sich nicht nur als gekonnte gearbeitete, inspirierte Kompositionen, sie wurden auch bestens gespielt. Der musikalische Spagat zwischen Freiheit im Jazzspiel und Selbstbeschränkung durch Einbindung der Jazzer in ein durchkomponiertes Stück klappte so gut, dass es die reinste Lust war, Ohrenzeuge sein zu dürfen. Russo, einst ein höchst renommierter Jazzkomponist, hat vor über 40 Jahren eine Musik geschrieben, die gar nicht erst versucht klassischen Tonsatz mit Jazz zu verbinden. Er hat der Band genauso die üblichen Freiheiten gelassen wie er andererseits dem Orchester genau notiert hat, was wann wie zu passieren hat. Das Spannende an diesem Stück war nun, wie beide Ebenen improvisationsgeprägter Jazz hier und klassischer Tonsatz da schließlich zusammen finden. Nämlich in einem Dialog, der eben gerade nicht darin besteht, sich insofern auf den anderen einzulassen als man dessen Spielweise aufzunehmen versucht. Nein, jede Seite bleibt hier ganz bei seiner musikalischen Sprache, und man kommuniziert in diesen zwei unterschiedlichen Sprachen mit einander. Und das funktionierte blendend. Es entstand ein musikalischer Dialog über die musikalischen Stilgrenzen hinweg. Helmut Imig am Dirigentenpult wirkte sozusagen als Integrator und behielt souverän sämtliche Fäden in der Hand. Diese Programmlinie sollte das bestens aufgelegte Braunschweiger Orchester auf jeden Fall weiter verfolgen.

Die beiden weiteren Programmpunkte hinterließen hingegen unterschiedliche Eindrücke. Dem Stück von Schlünz fehlte ein wenig das geheimnisvoll Raunende eines Orchestersatzes, der sich hervorragend aufs Andeuten versteht und dabei zumeist im Bereich ganz leiser Töne angesiedelt ist. Bei Dirigent Imig und seinem Orchester klang das alles ein wenig leblos. Auch beim Stück von Gustav Holst hätte öfter etwas weniger Lautstärke und mehr klangliche Transparenz gut getan. Aber insgesamt durfte man doch einmal mehr staunen, auf welch hervorragendem Niveau das Braunschweiger Orchester zu spielen in der Lage ist.

Von Reinald Hanke