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Celle Stadt Friedhelm Kändlers Sprach- und Klangterzett „Zum Glück“ im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Friedhelm Kändlers Sprach- und Klangterzett „Zum Glück“ im Celler Schlosstheater
17:14 07.03.2017
Die Diseuse, Schauspielerin, Sprecherin Alix Dudel aus Berlin, der Komponist und Pianist Uli Schmid aus Hannover (links), und der Dichter und WoWoet Friedhelm Kändler aus Südhessen traten gemeinsam im Celler Schlosstheater mit ihrem Programm „Zum Glück“ auf. Quelle: Oliver Knoblich
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Kändlers Kunst ist in einem Niemandsland angesiedelt, das sich jeder Kategorisierung entzieht, sie sprengt die Grenzen zwischen verschiedenen Gattungen und Genres. Und auch die zwischen Kleinkunst und sogenannter „Großer Kunst“. Klar ist, dass Kändlers Kunst keine Kleinkunst im konventionellen Sinne ist. Und sie ist auch alles andere als Comedy. Dazu ist die sprachliche Präzision viel zu groß. Und wie er selbst es formuliert: „Das Gehirn ist bitte nicht an der Garderobe abzugeben“ wie bei so vielen seichten Autoren der Comedy-Sparte.

Aber Kändlers Kunst darf durchaus Spaß machen. Dabei wird sie aber eben nie flach oder oberflächlich. Selbst wenn der Witz mal kein Witz ist, sondern eine reines Widerspiel der Lust am Sprachspiel, er bleibt immer gedanklich präzise. Und wenn er Texte schreibt, die auf dem ersten Blick fast Schlagertexte zu sein scheinen, so stellt sich im Verlauf der Stücke doch immer heraus, dass er mehr meint. Und Alix Dudel bringt das ideal herüber, wenn sie Kändlers Texte mal bewusst ins Leere laufen lässt, mal durch ihr Agieren kommentiert, mal komödiantisch auflädt. Kändler und Dudel: Das ist eine ideale Kombination, die offensichtlich so gut eingespielt ist, dass die beiden tatsächlich Momente des Improvisierens auf der Bühne beibehalten können. Und trotzdem oder gerade deshalb funktioniert der Abend. Diese Chansons setzen sich nicht nur mit sprachlichen Themen auseinander, sondern auch mit den Absurditäten des Alltags. Und auch mit ganz normalen individuellen Besonderheiten wie das weibliche Tragen schicker Bekleidung.

Herausragende Nummern neben den von Ulli Schmid elegant zurückhaltend, aber immer auf den Punkt gebracht begleiteten Chansons gab es mehrere. Vor allem sei der „Erlkönig“ genannt, aus dem Kändler eine Mischung aus Parodie, Paraphrase und Kontrafaktur macht, die vom ersten Moment an köstlich ist. Wie schade, dass man den Originaltext nicht parallel dazu lesen konnte. Aber auch Kändlers „Dornröschen“ ist ein wunderbares Beispiel für eine Weiter- oder Umdichtung einer bekannten Vorlage. Dieses „Dornröschen“ wird gesprochen mit einem „sch“ und nicht mit „s“ plus „ch“, wie es üblich ist, und kippt am Schluss ins Absurde ohne Moral: „Und die Moral von der Geschicht, die weiß ich nicht.“

Aber auch Kändlers Poesie ohne einzelne, genau festgelegte Buchstaben hat mehr als nur einen oberflächlichen Reiz. Sie provoziert geradezu dazu, das einmal selbst auszuprobieren, wobei man dann merken wird, dass ein Lesen und Verstehen eines Textes ohne bestimmte Buchstaben tückisch ist. Ein Vortragen eines solchen Textes ist für Otto oder Anna Normalmensch gar nicht mehr möglich, Kändler aber macht das brillant. Scheinbar entspannt wirkt das bei ihm, und das selbst dann, wenn er sich mal fast verhaspelt oder doch beinahe mal einen eigentlich getilgten Buchstaben verwendet.

Und dann gab es noch kurze Gedichte, die ihren Mehrwert wirklich in ihrer Kürze haben oder in der Differenz zwischen Schriftsprache und gesprochener Sprache. Ein ausgesprochen gelungener Abend aus der Reihe „Kultur Querbeet“ im Celler Schloss.

Von Reinald Hanke