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Celle Stadt Frivol, böse, machoesk
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Frivol, böse, machoesk
11:16 23.02.2010
Jockel Tschiersch Quelle: Aneka Schult
Celle Stadt

Er sprach über sein „Ding in Euronorm“, vom Erleichterungspalast, von GLS, einer Gliedlichtschranke, und verkündete „masturbation is paradise“ – kurz, der Mann hat’s nötig. Klar auch, denn was er auf Deutschlands Bühnen durchlebt ist die „Pubertät mit 50“ (Regie: Gabi Rothmüller). So hing in der Kartoffelscheune auf dem Hof Wietfeldt die kabarettistische Latte tief, obwohl Jockel Tschiersch mimisch wie sprachlich einiges auf dem Kasten hat.

Dass es in dem Solo-Kabarett erschreckend wirr zugeht, liegt am Thema des Stücks. Ein 50-Jähriger entdeckt beim Besuch einer knackigen Urologin, dass es nicht die Prostata ist, sondern ein zweiter Schub von Pubertät. Pickel wären harmlos. Was auf Tschiersch einstürzt sind Alpha-Weibchen und reiche Retriever, Patchworkpapas, protzige Proleten, Bio-Freaks, debile Fregatten und die eigenen heißgelaufenen Hormone. Da ist die Rede von Orgasmus-Loft, klitoralem Update, Nacktscannern und Männerschwitzhütten, Sado-Maso, Schleichpinklern und Swinger Club. Es scheint, der Berliner Autor, Fernseh- und Theaterschauspieler hält die eigene entfesselte Männlichkeit nicht mehr aus. Das Vokabular spritzt heraus, dass die Augen schielen. Das ist die neue vitale Viagra-Generation. Böse respektlos haut Tschiersch mitten hinein in die Mitlife-Debilität und peinliche Dekadenz, schreckt auch vor Discounter-Stalingrad und Hitler-Parodie nicht zurück. Mit teuflischer Lust empfiehlt er Hochseetörns für Depressive. Einziger Unterschied zur Luxus-Kreuzfahrt sei das Fehlen einer Reling. Meisterhaft gab sich der gebürtige Westallgäuer, der früher Journalist werden wollte, auf dem Gebiet der Mundarten, Stimmen, Persiflagen und skurrilen Gesichter. Grzimek liebte er vor allem. Tschiersch ließ erahnen, dass markante Zeitzeugen nur jemand spielt, der die Niederungen kennt, aus denen sie kommen. Seine Kunst der scharfen Pointierung und schmutzigen Betrachtungen brachten ihm diverse Preise ein. Auch das Celler Publikum wurde warm. Besonders die Männer. Als Zugabe gab’s Literatur aus der eigenen Feder. Natürlich frivol. Machoesk. Dafür sprachlich um so besser.

Von Aneka Schult