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Celle Stadt Für das Grab fehlt ihr das Geld
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Für das Grab fehlt ihr das Geld
14:10 30.12.2011
Celle Stadt

Noch einmal zupft Carola Emmerlein (alle Namen geändert) die Blumen zurecht, rückt die Kerze ein Stück weiter, beschäftigt die ruhelosen, eisigen Finger, während ihr Blick verschwommen auf dem Namen des provisorischen Holzkreuzes hängen bleibt. Ihr Mantel ist längst durchnässt vom unablässigen Nieselregen an diesem Spätnachmittag und ihr Rücken schmerzt von Minute zu Minute mehr, trotzdem kann sie sich kaum aufraffen, das Grab – und damit die einzige fassbare Verbindungsstelle zu Hans – zu verlassen.

Hans Grosch ist vor sechs Wochen gestorben. Seit seiner Beerdigung besucht Carola Emmerlein das Grab ihres langjährigen Lebensgefährten jeden Tag. „Das hilft mir, den Verlust und die Lücke in meinem Leben ein bisschen erträglicher zu machen. Wir haben immer viel zusammen geredet – jetzt erzähle ich ihm am Grab all das, was so passiert und meine Gedanken. Zuhause erwartet mich nur noch Leere.“

Vor zwölf Jahren hat die heute 68-Jährige den sechs Jahre älteren Hans bei einer Vereinsfeier kennengelernt. „Er war ein attraktiver Herr, ruhig und zuvorkommend – ich hab mich sofort in ihn verliebt, aber das wollte ich mir - und ihm schon gar nicht - lange nicht eingestehen. „So was passiert dir nicht“, hab ich gedacht, mir, der in die Jahre gekommenen, grauen Maus. Mein Leben war von meiner Arbeit als Verkäuferin und der Pflege meiner Eltern geprägt. Der „Richtige“ ist mir bis dahin nie begegnet.“

Carola zögert, aber Hans bleibt hartnäckig. Er ist aufmerksam, überredet sie zu gemeinsamen Unternehmungen, schließlich ziehen der pensionierte Angestellte und die kurz vor ihrer Rente stehende 62-Jährige als Paar zusammen. Hans und Carola sind glücklich, beide haben ihr zwar knappes Einkommen, aber es reicht für die bescheidenen Bedürfnisse. Das Thema Hochzeit wird immer wieder einmal angedacht, aber Hans hatte in einer ersten Ehe schlimme Erfahrungen gemacht und zögert. „Wir waren zufrieden, auch ohne Trauschein.“

Vor vier Jahren erlitt Hans einen Schlaganfall. In Folge dessen war seine linke Seite zunächst gelähmt. Nur mühsam und Dank der aufopfernden Pflege seiner Partnerin ging es ihm Schritt für Schritt ein wenig besser. Trotzdem blieb er an Rollstuhl und Gehhilfe gefesselt. Die wenigen Ersparnisse der beiden flossen in die notwendigen Behandlungskosten und Umbauarbeiten der Wohnung. „Aber wir hatten uns, waren froh über jeden Fortschritt, machten Pläne für ein gemeinsames Stück Zukunft.“ Sogar einen Verlobungsring hat Hans seiner Carola an den Finger gesteckt – an Silvester sollte die Hochzeit sein.

Das Schicksal hat es anders gemeint. Mitte November erlitt Hans einen zweiten Schlaganfall, den er nicht überlebte. Carola stand vor den Scherben ihres Glücks. Zudem galt es eine Beerdigung auszurichten, für die kein Geld da war. Da das Paar nicht verheiratet war, stellte das Rentenamt die Zahlungen ein. Ihre eigene kleine Rente sichert gerade so ihre Grundbedürfnisse, Rücklagen konnte das Paar nicht bilden. Einen kleinen Teil übernahm die Versicherung, aber für eine würdige, „ordentliche“ Beerdigung war das zu wenig. Carola machte Schulden, um ihrem Hans den letzten Weg und die „ihm gebührende“ letzte Ruhestätte zu ermöglichen. Für den Stein am Grab fehlt ihr noch immer das Geld.

Auch Carola Emmerleins Gesundheit ist angegriffen. Durch die Pflege (das Heben und Stützen) von Hans hat ihr Rücken gelitten. Der Orthopäde hat ihr Bandscheibenprobleme attestiert, das genügt jedoch nicht, um von der Krankenkasse eine entsprechend notwendige Matratze bezahlt zu bekommen, auch auf Unterstützung aus dem Sozialhilfetopf darf sie nicht hoffen. Und jeden Cent, den sie erübrigen kann, steckt sie in die Spardose - für den Grabstein.

Von Doris Hennies