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Celle Stadt Funktionsmodus für Flüchtlinge in Celle nicht ohne Weiteres möglich
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Funktionsmodus für Flüchtlinge in Celle nicht ohne Weiteres möglich
14:13 15.09.2016
Quelle: Peter Bierschwale
Celle Stadt

Trotz der immensen Hitze draußen herrschte im Anna-Frank-Saal der Familienbildungsstätte ein großer Andrang zum Vortrag des Peiner Psychiaters Naiel Arafat. Er referierte zum Thema „Trauma und Traumafolgestörungen bei Flüchtlingen“. Mit seiner Fachkunde, seiner humorvollen Art, aber auch der Schilderung seiner sehr persönlichen Erfahrungen als Ausländer erreichte der gebürtige Palästinenser mit seinem Vortrag auch die Herzen seiner fachkundigen Zuhörer.

Die große Öffentlichkeit dürfte für Arafats Thema noch nicht recht sensibilisiert sein, aber die Anwesenden wussten um dessen Brisanz: Es handelte sich hauptsächlich um ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Lehrer und Erzieher, also auch „Profis“, die wie Arafat nahezu täglich mit den Auswirkungen der Traumata von Flüchtlingen konfrontiert sind.

Bei seinem Vortrag verfolgte Arafat drei Gedankenlinien parallel: Er erläuterte wissenschaftliche Definitionen und Forschungsergebnisse und beschrieb die Konsequenzen von Traumata für die Flüchtlinge und für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben. Aber auch seine persönlichen Erlebnisse als Ausländer, der mit siebzehn Jahren zum Medizinstudium nach Berlin gekommen war, flossen in seinen Vortrag ein.

Traumata könnten nicht nur wegen schrecklicher Erlebnisse auf der Flucht ausgelöst werden, sondern auch durch verschiedene Erlebnisse nach dem Eintreffen in Deutschland. Den Auslöser bilde vielleicht der Verlust wichtiger Bezugspersonen, ein „Kulturschock“ oder auch fremdenfeindliche Erfahrungen. Es könnten auch Ereignisse in den Heimatländern die Ursache für Traumata bilden: „Sie wissen ja gar nicht, was die Flüchtlinge erlebt haben, bevor sie auf die Flucht gegangen sind“, meinte Arafat.

Die Bevölkerung erwarte, dass die Flüchtlinge zügig in den „Funktionsmodus“ übergehen würden, aber das sei bei traumatisierten Menschen nicht ohne weiteres möglich. Traumatisierten Menschen litten unter einer „Grundangst“. Hinweise auf Traumatisierungen könnten aggressives oder autoaggressives Verhalten sein oder eine Neigung zu „destruktiven Beziehungen“ sein. Bei Kindern und Jugendlichen könnten Schulprobleme entstehen. Wenn diese dann sanktioniert würden, könne es schließlich zu einer kompletten Blockade kommen.

Einerseits gebe es viel zu wenige Trauma-Therapeuten, zum anderen sei es wichtig, für diese Frage besonders diejenigen zu sensibilisieren, die mit Flüchtlingen zu tun hätten. „Angst kann man nur überwinden, in dem man darüber redet“, erklärte Arafat. Anhand der verschieden Essgewohnheiten von Deutschen und Flüchtlingen machte er deutlich, dass man die verschiedenen Kulturen nicht bewerten könne und solle, sondern akzeptieren müsse, dass die Menschen „einfach anders“ seien. Zum Abschluss gab der Referent seinem Publikum noch eine empathische Spruchweisheit mit auf den Weg: „Verstehen ist immer eine Reise in das Land des Anderen.“

Von Peter Bierschwale