Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt "Game Over": Spielsüchtiger Celler erzählt von seinem Ausstieg
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Game Over": Spielsüchtiger Celler erzählt von seinem Ausstieg
18:16 09.08.2017
Von Christian Link
Geschätzt 470.000 Menschen in Deutschland sind pathologisch spielsüchtig, 370.000 weitere gelten als gefährdet. Quelle: Britta Pedersen
Celle Stadt

Mithilfe der Selbsthilfegruppe „Game Over“ fand der junge Mann wieder zurück auf die Spur. Seit März ist der Mittzwanziger clean. „Nur durch die Gruppe habe ich es geschafft“, sagt er.

Zunächst war es nur ein harmloser Zeitvertreib. „Angefangen hat es beim Fußballgucken in der Kneipe“, erzählt Hartmann. Das war vor ungefähr zwei Jahren. Zunächst sei es nur um wenige Euro gegangen, dann habe er aber immer häufiger gezockt. „Richtig schlimm wurde es, als ich mal eine größere Menge gewonnen habe. Es hat ganz lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass sich das Spielen so gar nicht lohnt.“

Irgendwann fingen die Lügen an. „Plötzlich musste ich Ausreden erfinden, wo das Geld hin ist, und warum ich wieder später nach Hause kam“, berichtet Hartmann. Als seine Partnerin die Spielsucht entdeckte, versicherte er ihr: „Ich habe das im Griff.“

An manchen Tagen klebte er bis zu acht Stunden vorm Automaten. Sein Umfeld habe trotzdem lange nichts gemerkt. „Während meine Sportkameraden gefeiert haben, saß ich in der Kneipe und habe Geld verspielt.“ Innerhalb eines Jahres habe er gut 9000 Euro verzockt. Es hätte schlimmer kommen können. „Bei manchen geht es richtig um Millionenbeträge. Manchmal gehen auch Familien und Menschenleben dran kaputt“, weiß Hartmann. Der Einsatz am Spielautomaten sei „pro Umdrehung“ auf zwei Euro begrenzt, online könne man aber bis zu 2000 Euro setzen. „Das Spielen im Internet ist die gefährlichere Variante, denn das kriegt keiner mit. Und online gibt es keine Grenzen.“

Die Spieler-Szene in der Herzogsstadt schätzt Hartmann auf mindestens 400 Personen. „Anfang des Monats findet man in Celle kaum einen Platz. Die Spielotheken sind voll“, sagt der junge Mann, der die meisten Zockerlokale in der Umgebung von innen kennt. Spielautomaten gebe es fast in jeder Kneipe. Als löbliche Ausnahmen fallen ihm spontan nur Thaers Wirtshaus und das Rio‘s ein. „Vor den Spielautomaten kann man sich kaum retten. Das Schlimmste ist aber: Das wird immer mehr.“

Kontrollen durch Behörden habe er nie mitbekommen. „Für mich ist die Gesetzgebung nur Verarsche, weil die Spielotheken jede Möglichkeit haben, die Vorgaben zu umgehen“, sagt er. Und den Spielotheken gehe es nur um ihren Umsatz: „Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand rausgeworfen oder auf sein Spielverhalten angesprochen wäre.“

Viele Menschen nehmen die Spielsucht nicht ernst. „Die sagen: Lass es doch einfach sein“, so Hartmann. Doch so einfach ist es nicht. Deswegen sei der Austausch mit Betroffenen ganz entscheidend. „In der Gruppe weiß jeder, wovon du sprichst. Jeder hat sein eigenen Erfahrungen gemacht, aber wir haben alle ähnliche Schwierigkeiten: Das Verheimlichen und die Angst, wieder rückfällig zu werden“, sagt Hartmann. Wie wichtig die regelmäßigen Treffen sind, habe er gemerkt, als er sie eine zeitlang nicht besucht. „Da hatte ich einen Rückfall, aber die Gruppe hat mich wieder aufgefangen.“