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Celle Stadt „Ganz schlimmer Sound“: Celler kehrt wohlbehalten aus Nepal zurück
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Ganz schlimmer Sound“: Celler kehrt wohlbehalten aus Nepal zurück
18:17 01.05.2015
Erdbeben Quelle: Harald Becker
Celle Stadt

Noch immer hat Harald Becker das Gefühl, als zittere die Erde unter seinen Füßen. „Es war genau 11 Uhr 56, als die Glocken in der Stupa zu läuten anfingen“, schildert er, woran er sich erinnern kann. „Es fing gewaltig an zu rumpeln. Man kann es nicht beschreiben, aber es war wie ein sehr starkes Gewitterdröhnen, das auch körperlich spürbar war.“ Der Direktor für Internationale Beziehungen der in Celle ansässigen Deutschen Management Akademie Niedersachsen (DMAN) fasst es so zusammen: „Es war ein ganz schlimmer Sound.“ Seine erste Sorge war, nachdem Steine und Mauerreste von oben neben ihm einschlugen: Du musst hier aus dieser Masse raus.

Harald Becker und DMAN-Projektmanager Christian Wagner hatten sich am Donnerstag und Freitag zum Abschlussmeeting des Lenkungsausschusses getroffen. Geplant war, am Montag das Büro in Kathmandu weitgehend abzuwickeln. Gleich danach wollte Becker über Indien zurück nach Deutschland fliegen.

„Der Freitag war ein nepalesischer religiöser Feiertag mit viel Musik und Tanz auf den Straßen.“ Der Samstag war arbeitsfrei. „Weil ich voraussichtlich zum letzten Mal in Kathmandu war, unternahm ich einen langen Spaziergang durch die Altstadt. Das Wetter war ganz ordentlich“, schildert Becker die Augenblicke vor dem Erdbeben. Er besuchte den Tempelberg Swayambhunath im Westen der Hauptstadt. „Hier waren viele Einheimische, die an den Gebetsmühlen beteten und Kerzen und Räucherstäbchen anzündeten.“

Es seien aber auch etliche internationale Touristen auf dem Berg gewesen, um die besondere Atmosphäre aufzunehmen und die wunderschöne Aussicht zu genießen – als die Erde für gut 150 Sekunden ununterbrochen bebte. „Dann krachten Steine von den Tempeltürmen neben mir runter. Die Leute, Kinder und Erwachsene, gerieten in Panik und wollten alle den Berg über die Treppe verlassen“, beschreibt Becker die Situation. „Ich habe die Menschenmasse an mir vorbeilaufen sehen – mit Pudding in den Beinen und Armen. Meine Instinkte waren wohl auf ‚Eiskalt-Modus‘ geschaltet. Ich stand da mit weichen Knien. Aber ich hatte keine panische Todesangst. Ich wartete erstmal ab, dass der große Schwung vorbeilief. Dann sah ich dicht neben mir wirkliche Trümmerberge liegen. Und Staub. Überall war feiner roter Staub. In der Nase, in den Augen, in den Ohren, im Mund, in den Nähten meines Sakkos. – Ich war total rot von diesem Ziegelstaub.“

Mehrmals versuchte Becker dann, seiner Frau Dagmar in Langenhagen eine SMS zu schicken: Wir hatten ein Erdbeben – ich bin gesund! Das Mobilfunknetz war aber total überlastet. Irgendwann gelang das dann. Irgendwann gelang es Becker auch, seinem Kollegen Wagner eine Kurzmitteilung zu schicken. „Meine Nachricht ging raus – aber ich bekam keine Antwort von ihm“, beschreibt Becker seine Ungewissheit. Er wusste, dass sein Kollege im Greenwich-Village-Hotel geblieben war.

Etwa zwei Stunden hielt sich Becker mit vielen anderen auf einem freien Platz auf, bevor es ihm gelang, ein Taxi für die Rückfahrt zum Hotel zu finden. „Das Erstaunliche war, dass recht schnell die Normalität wieder zurückkam“, wundert sich Becker noch heute. Es seien viele zerstörte Gebäude zu sehen gewesen, man versuchte, Verletzte in die kleinen engen Taxis zu setzen, und viele gruben mit bloßen Händen in den Trümmern nach Angehörigen. Taxis fuhren, kleine Läden machten schnell wieder auf. „Das muss wohl eine Mischung aus Pragmatismus und Fatalismus bei den Nepalesen sein“, vermutet der Celler Manager. „Und überall hörte man die ernsthaften Gebete mit dem berühmten Ooommm …“

Von Lothar H. Bluhm