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Celle Stadt „Geächtet“: ein amerikanisches Erfolgsstück im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Geächtet“: ein amerikanisches Erfolgsstück im Celler Schlosstheater
17:49 18.10.2016
Felix Meyer ist als „Amir“ zu sehen in dem neuen Stück „Geächtet“ des Celler Schlosstheaters. Quelle: Sarah Pertermann
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Auch wenn man sich generell hüten sollte, die Biografie eines Autors in Beziehung zu setzen mit einzelnen seiner Figuren in einem Roman oder einem Theaterstück, so ist es hier doch auffällig, dass die in Celle von Felix Meyer gespielte Figur des Amir Kapoor auch pakistanischer Herkunft ist.

Amir ist ein Muslim, der in einer von einem jüdischen Rechtsanwalt geführten Kanzlei Karriere gemacht, dabei aber seinen Glauben verleugnet hat. Er hieß eigentlich Abdullah, womit seine Religionszugehörigkeit offensichtlich wäre. Eben deshalb hat er seinen Nachnamen geändert. Und er legt größten Wert darauf, dass niemand von seinem Identitätsspagat erfährt.

Amir Kapoor lebt den amerikanischen Traum: Er trägt teure Hemden, genießt gutes Essen und wohnt in einem Loft in der Upper East Side von Manhattan. Es geht ihm gut. Seine Strategie heißt Assimilation, sein Problem ist seine Identität. Anders seine Frau Emily: Die weiße Amerikanerin ist aufstrebende Malerin und hat durch die Kunst die islamische Kultur für sich entdeckt. Als bei einem Abendessen mit ihrem jüdisch-amerikanischen Kurator Isaac und dessen afroamerikanischer Frau, einer Rechtsanwaltskollegin ihres Mannes, eine Diskussion über religiöse Traditionen eskaliert, nimmt der Abend eine andere Wendung, als sich das die dinierenden Gäste wohl gedacht haben dürften. Und das mühselig zurechtgeschusterte Selbstbild Amirs gerät mehr als ins Wanken.

Das liest sich ein wenig wie die bekannten Stücke der Erfolgsautorin Yasmina Reza („Kunst“, „Gott des Gemetzels“) einerseits und wie die entlarvende Doppelbödigkeit eines Ödön von Horvath andererseits. Ja, vielleicht kann man dieses Stück als ein amerikanisches Volksstück der Upper Class bezeichnen, das übrigens nicht nur den hierzulande weniger aussagekräftigen amerikanischen Pulitzerpreis bekommen hat, sondern von „Theater Heute“ auch als das interessanteste ausländische Stück der vergangenen Saison ausgewiesen wurde. Unter den scheinbar so leichten, manchmal geradezu boulevardesken Dialogen lauert eine alles andere als schöne zweite Wahrheit. Das Stück beginnt so leichtfüßig wie eine Reza-Komödie und endet wie die amerikanische Variante eines ernüchternden Horvath-Schlusses. Der Staranwalt war kurz vor dem Gipfel seiner Karriere, als sich auf einmal alles gegen ihn wendet. Seine Frau hingegen, die auf der bewussten Suche nach ihrer Identität als Künstlerin gerade diejenige Religion für sich entdeckt hat, die zu verleugnen ihr Mann vorzog, diese Frau scheint im Gegensatz zu ihrem Mann mit sich im Reinen zu sein. Verena Saake wird diese Rolle in Celle übernehmen. Außerdem spielen noch Marius Lamprecht, Thomas Wenzel und Katrin Steinke Quintana.

Die Regie hat Nina Pichler übernommen, die sich von Martin Käser einen angedeuteten realistischen Raum hat bauen lassen und die sich in ihrer ab 28. Oktober zur Aufführung kommenden Inszenierung am Schlosstheater ganz auf die Arbeit an den Dialogen konzentrieren möchte. Man darf gespannt sein, ob diese Produktion in Celle genauso ein Erfolg wird wie an anderen Häusern vom Münchner Residenztheater bis zum Schauspielhaus Hamburg.

Von Reinald Hanke