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Celle Stadt Geborgen im Schoß der Familie
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Geborgen im Schoß der Familie
14:35 10.10.2018
Von Andreas Babel
Norbert Schumacher spielt auf dem Balkon seiner elterlichen Wohnung in Neuenhäusen ein Kartenspiel. Quelle: Andreas Babel

Norbert Schumacher lebt seit 2016 im Heim. Er ist 68 Jahre alt und seit einigen Jahren an Demenz erkrankt. „Er war immer ein freundlicher Junge. Wenn er nicht erkrankt wäre, dann wäre er immer noch bei uns“, sagt seine Mutter Klara. Sie ist 91 und kümmert sich immer noch rührend um ihren Sohn, genauso wie ihr Ehemann Johann. Der 92-jährige wird von allen nur Hubert genannt. Norbert ist immer noch der kleine Junge des Celler Ehepaares, das schon seit mehr als 68 Jahren miteinander verheiratet ist, denn Norbert hat das Down-Syndrom.

Die Woche über wird Norbert im Buchholz-Stift in Wietzenbruch betreut, von Samstagmittag bis Sonntagmittag ist er bei seinen Eltern. Das hochbetagte, aber geistig wie körperlich fitte Ehepaar hat vor etwas mehr als einem Jahr sein Haus im Heesegebiet verkauft und ist in eine kleinere, ebenerdige Wohnung nach Neuenhäusen umgezogen. Schweren Herzens haben Schumachers ihren Sohn in ein Pflegeheim gegeben, aber mit der Demenz ihres Sohnes kamen die beiden alleine nicht mehr klar.

Nun hat Norbert wieder ein schönes Zimmer in der Wohnung seiner Eltern. Er beschäftigt sich mit seinen Quiz-Karten und vertreibt sich die Zeit mit Gesellschaftsspielen, was auch seine Eltern gerne tun. Eigens für die neue Wohnung hat der 68-Jährige ein neues Kuscheltier bekommen. Damit kuschelt er aber nur in dieser Wohnung – im Heim hat er ein anderes.

Wenn Norbert zu Bett gegangen ist, muss Mutter Klara immer noch ein kleines Nachtlicht im Flur in der Steckdose platzieren. Denn Norbert hat Angst im Dunkeln. Das wird daher kommen, weil er als Kind schlimme Dinge erlebt hat – außerhalb der Familie, aber dazu später mehr.

Er war noch keine acht Jahre alt, da kam seine Mutter nicht mehr klar mit ihm. Vater Johann war als Dampflokomotivführer viel auf Achse, zudem war Schwester Gaby 1955 geboren worden. Und weil Norbert ständig Unsinn anstellte und die junge Mutter überfordert war, suchte sie beim katholischen Pfarrer der St.-Hedwigs-Gemeinde Rat. Der riet der Familie, Norbert in ein von Nonnen geführtes Heim ins westliche Münsterland zu geben. Dort blieb Norbert, bis er 14 Jahre alt war. In einem Brief schrieb er als 60-Jähriger: „Wenn ich zurückdenke an die Jahre von 1958 bis 1964, bleibt manche schlechte Erinnerung wach. Aber die Hauptsache war doch, daß ich bei Lehrer Schneider gelernt habe zu lesen und schreiben.“

Norberts Eltern hatten es von Anfang an nicht leicht. Als er sechs Wochen alt war, hatte er eine Magen-Darm-Entzündung. Er musste eine Woche lang ins Allgemeine Krankenhaus. Als er gesund entlassen wurde, nahm die Leiterin der Kinderstation, Dr. Helene Sonnemann, das Ehepaar beiseite und sagte ihm: „Eines wollte ich Ihnen noch sagen: Ihr Kind hat mongoloide Idiotie. Es wird nie laufen können, es wird nie sitzen können und es wird nie sprechen können.“ Über diese Diagnose war das Ehepaar damals geschockt. Es wusste nichts damit anzufangen. Was wollte die Medizinerin, die während der NS-Zeit in einem Hamburger Krankenhaus behinderte Kinder ermordet hatte, ihnen damit sagen?

Erst als Norbert drei Jahre alt war, klärte ein anderer Celler Kinderarzt das Ehepaar darüber auf, was es mit seiner Krankheit auf sich habe. Obwohl Norbert erst mit viereinhalb Jahren zu laufen begann, machten sich seine Eltern keine großen Gedanken darüber, dass ihr Junge anders als andere Kinder war. Als er dann laufen konnte, stellte Norbert allerhand Blödsinn an. „Wir haben deshalb viel Ärger mit den Nachbarn gehabt. Das hat ja keiner verstanden damals, dass Norbert nichts dafür konnte. Nur eine Nachbarin nahm ihn immer in Schutz und sagte ihren Kindern, dass sie den Norbert in Ruhe lassen sollten. Der könne ja nichts dafür“, sagt Klara Schumacher.

Norbert ließ die Hühner der Nachbarn frei, durchwühlte Schränke in deren Häusern, warf einem Vertreter sämtliche Papiere aus dessen Auto. Schwester Gaby fragte ihre Mutter: „Mutti, wo ist Nonan?“, als er ins Heim gekommen war. In den Ferien durfte er immer für einige Tage nach Hause. Im Heim wurde er geschlagen, in eine dunkle Kammer gesperrt und in eine Zwangsjacke gesteckt – nicht von den Nonnen, aber von anderen Angestellten.

Als 1964 die Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe fertiggestellt worden war, wurde Norbert dort aufgenommen. In den Werkstätten arbeitete er, bis er mit 60 in einer neu geschaffenen Seniorengruppe etwas kürzertreten konnte. Da galt es beispielsweise Elektronikteile zusammenzuschrauben und Fenster aus buntem Glas herzustellen. Etwa mit 65 Jahren setzte bei ihm eine Demenzerkrankung ein. Bis dahin war er ein großer Fan von Quiz-Spielen und -Fernsehsendungen. „Bei ,Wer wird Millionär?‘ kam er regelmäßig bis zur 1000-Euro-Frage. Beim ,Trivial-Pursuit‘-Spiel hat er die Antworten alle auswendig gelernt“, erzählt seine Mutter.

Doch Fernsehen macht ihm heute keinen Spaß mehr. In lichten Momenten erzählt er davon, was ihm sein Großvater Franz Gochermann geraten hat, wenn er denn einmal einem Wolf begegnen sollte: „Er hat gesagt, dann machst du mit der Faust so, guckst ihn scharf an und dann läuft er weg“, erzählt Norbert. Oft spricht er von seiner imaginären Freundin Marie. „Er hat eben manchmal auch Wahnvorstellungen“, erläutert seine Schwester Gaby, die sich stets gerne um ihren Bruder gekümmert hat und ihn noch heute „Nonan“ nennt.

Die Familie ist immer zu viert in den Urlaub gefahren. „Wir haben immer Camping gemacht“, erzählt Johann Schumacher. 30 Jahre lang waren sie in Grömitz zu Gast, aber auch nach Dänemark, nach Jugoslawien und nach Spanien ging es in den Ferien. Norbert war immer dabei.

Wenn etwas in seinem Zimmer verändert wird, merkt Norbert das immer sofort. Als Gaby sich vor vielen Jahren einmal eines aus der Reihe seiner vielen Comic-Heften aus seinem Bücherschrank genommen hatte, wurde er sofort darauf aufmerksam und nervte seine jüngere Schwester immer wieder: „Wann krieg‘ ich das Heft wieder?“ Ihr heutiger Beschützerinstinkt rührt daher, weil „mir das von Anfang an so mitgegeben wurde“, sagt sie. So sei sie schon als Kind auf Menschen zugegangen, die Norbert komisch angeschaut haben, streckte ihnen die Zunge raus und sagte zu ihnen: „Was guckt ihr denn so blöde?“

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