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Celle Stadt Geburtstagsfest wird zum Alptraum
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Geburtstagsfest wird zum Alptraum
12:30 24.01.2014
Kethrin Ost (von links), Nina Damaschke und Monika Häckermann bilden den kleinen Familienkreis, - der den Geburtstag der Jubilarin Ilse (Häckermann) in dem Stück „Die Eisbären“ begeht, - das am kommenden Freitag im Malersaal des Celler Schlosstheaters seine Premiere feiert. Quelle: Alex Sorokin
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Eine Geburtstagsfeier im trauten Familienkreis ist eine schöne Sache. Besser gesagt, es könnte eine sein – doch in seinem Stück „Die Eisbären“ steuert der schwedische Dramatiker Jonas Gardell das Fest zielsicher in den Alptraum.

Die nicht mehr ganz junge Ilse hat als Jubilarin ihre erwachsenen Töchter Gertrud und Solveig zu Gast. Besonders liebevoll verläuft die Unterhaltung allerdings von Beginn an nicht. Offenbar gibt es Spannungen zwischen den Schwestern, und Ilse hat den Tatbestand, dass sie einst wegen der Kinder auf berufliche Erfüllung verzichtet hat, noch keineswegs überwunden. Ihr Liebling ist ohnehin Sohn Gabriel, ein Schriftsteller, der nicht an der Feier teilnehmen kann, weil er im Fernsehen sein neues Buch vorstellt. Natürlich lässt man sich die Übertragung nicht entgehen – aber was Gabriel dabei über die Familie zu sagen hat, lässt die Atmosphäre endgültig entgleisen.

Die Celler Inszenierung übernimmt Vanessa Wilcke, Regieassistentin am Schlosstheater, die vor Ort schon mit dem Jugendclub „Tschick” von Wolfgang Herrndorf einstudiert hat. Bei der neuen Arbeit gönnt sie sich einige Freiheiten, hält sich nicht sklavisch genau an Jonas Gardells Vorgaben. So ist der Text um rund eine halbe Stunde gekürzt, das Bühnenbild soll abstrahierte Züge tragen, und auch die vom Autor sehr detailliert beschriebenen Kostüme werden abgewandelt: „Wir wollen versuchen, schon über die Kleidung Hinweise auf das Verhältnis zwischen den Figuren zu geben“, sagt die Regisseurin.

Wilcke sieht etwas Klaustrophobes in der Grundsituation: „Als wären die drei Frauen auf einer Eisscholle, von der sie nicht herunterkommen. Und alle sind in erster Linie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Alltägliche Dialoge gibt es kaum, niemand fragt zum Beispiel mal: ,Wie geht’s dir?‘“ Um so eigenartiger daher, dass der Originaltext punktuell die Einbeziehung eines Zuschauers vorsieht: „So werden wir es nicht machen“, erläutert denn auch die Regisseurin. „Wir haben eine andere Möglichkeit gefunden, zwischendurch die vierte Wand zu öffnen. Das geht dann mehr in die Richtung von Brechts epischem Theater.“

Gab es denn bei den Proben Momente, in denen sich die 24-Jährige, die selbst einen älteren Halbbruder und eine jüngere Schwester hat, an eigene Erfahrungen mit der Familie erinnert fühlte? „Schon. Ich glaube zum Beispiel, dass wohl jeder irgendwann einmal das Empfinden gehabt hat, von den Angehörigen nicht verstanden zu werden.“

Und kann man in den fraglos vor allem traurigen Inhalten der „Eisbären“ doch wenigstens eine Spur von Humor entdecken? „Es wird sicher kein Abend mit viel lautem Gelächter, und wir wollen uns nicht auf irgendwelche Pointen setzen. Aber Walter Benjamin hat es sehr schön ausgedrückt, als er sagte, Komik sei ,die obligate Innenseite der Trauer‘.“

Von Jörg Worat