Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Gedenkstein für Kriegsverbrecher Dörr entfernt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Gedenkstein für Kriegsverbrecher Dörr entfernt
17:38 19.11.2010
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Bei dieser eindeutigen Faktenlage hätten die Verantwortlichen der Stadt Celle sicher auch schnell gehandelt. Die Stadt Rennerod hat einen Gedenkstein in seinem Ortsteil Emmerichenhain vor dem Volkstrauertag entfernen lassen. Der Stein trägt die Inschrift „Willi Dörr“. Er lag in einer Reihe von 20 Steinen auf dem kommunalen Gelände, das zur Erinnerung an die in den Weltkriegen Gefallenen vor etwa 50 Jahren eingerichtet wurde.

Nur: „Willi“, wie Wilhelm Dörr in seiner Heimatgemeinde genannt wurde, war ein Kriegsverbrecher. Er ist deswegen Ende 1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet worden – und eben nicht als Soldat gefallen. Er stammte aus Emmerichenhain und trat während eines Todesmarsches von KZ-Häftlingen vom KZ Kleinbodungen zum KZ Bergen-Belsen als Mörder unrühmlich aus der grauen Masse der NS-Täter hervor.

Das hatten Wolfgang und Carsten Gerz in ihrem Buch „Ein Schuss in den Hinterkopf“ thematisiert. Die beiden Heimatforscher hatten das Buch kürzlich in Celle vorgestellt. Sie hatten auch herausgefunden, dass im Wald zwischen Groß Hehlen, Hustedt und dem ehemaligen KZ zahlreiche KZ-Häftlinge erschossen worden sind. Dörr wurde wenige Tage, nachdem er in Bergen-Belsen angekommen war, von den Allierten verhaftet.

In seinem Heimatort tat man vor Jahrzehnten einfach so, als zähle Dörr zu den gefallenen Kriegstoten, obwohl die Hälfte des heutigen 700-Seelen-Dorfes gewusst hatte, dass Dörr als Kriegsverbrecher hingerichtet worden ist, sagt Hans-Jürgen Heene heute. Der 66-Jährige ist seit 16 Jahren Bürgermeister der Stadt Rennerod im Westerwald. Vorher war er Berufssoldat und mit seinen Soldaten häufig auch in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Als er nach Erscheinen des Buches von mehreren Dorfbewohnern auf den Stein angesprochen worden ist, hat er ihn sofort entfernen lassen.

„Es ist eine große Unruhe im Dorf“ war das Erste, was er bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag zu hören bekam. „Warum? Das gehört zur Aufarbeitung unserer Geschichte. Da muss man durch“, habe er geantwortet. Auch der zuständige Landrat habe ihm beigepflichtet, dass es richtig sei, den Stein zu entfernen.

Jetzt hat Heene aber ein neues Problem: Denn wohin mit dem Stein? Von Einwohnern wurde er wiederum angesprochen, dass er doch in den Verdacht kommen könne, dass er den Kriegsverbrecher Dörr verherrliche, wenn er den Stein im Keller des Rathauses deponiere. Diesem Verdacht möchte sich der integre Westerwälder natürlich nicht aussetzen. Also habe er in der Gedenkstätte Hadamar nachgefragt. Die hätten den Stein aber nicht haben wollen, sagte Heene.

Auf Anfrage der CZ zeigte sich Dr. Thomas Rahe, pädagogischer Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, durchaus interessiert, den Stein als Exponat in der Sammlung aufzunehmen. In der Dokumentation zeige man die Strafverfolgung der Täter auf. Die oft gestellte Frage, wie die Täter so werden konnten, könne man im Dokumentationszentrum indes nicht beantworten.

Rahe fiel dabei ein, dass es einen ähnlichen Fall in Hameln gab, als er Ende der 80er-Jahre bei der Gedenkstätte anfing. Hier hätten unter anderem Lagerkommandant und Lagerarzt nach deren Hinrichtung auf dem Waldfriedhof gelegen. Von außerhalb sei die Liegefrist verlängert worden. Die Stadt fand heraus, dass aus rechtsextremistischen Kreisen die Gelder für diese Gräber geflossen seien. „Die Rechten hatten den Waldfriedhof so als Wallfahrtstätte genutzt“, erinnert sich Rahe. Als die Stadt Hameln das herausgefunden hatte, seien die Gräber aufgelassen worden – der rechte Spuk hatte ein Ende.

Die Emmerichenhainer können froh sein, dass durch die Entfernung des Gedenksteines neonazistische Kreise nicht auf diese Erinnerungsstätte aufmerksam geworden sind. So droht ihnen kein zweites Hameln.

Celler Zeitzeuge erinnert sich an den Todesmarsch durch die Blumlage:

Gerhard Bövershausen war im April 1945 sechs Jahre alt, als er den Todesmarsch vom KZ Kleinbodungen zum Konzentrationslager Bergen-Belsen beobachtete. „Ich wusste natürlich nicht, dass es sich bei den Männern, die durch die Blumlage in gestreiften Anzügen schlurften, um KZ-Häftlinge handelte“, sagte Bövershausen. Der heute 72-Jährige lebt in der Nähe von Frankfurt am Main und hat soeben die Arbeit an einem schmalen Band über seine Kindheitserinnerungen abgeschlossen. Die möchte er dem Celler Stadtarchiv zur Verfügung stellen.

Bei dem Trupp der knapp 600 KZ-Häftlinge fiel dem Bub von damals auf, dass die Soldaten, die sie mit Gewehren begleiteten, Handgranaten am Koppel trugen. „Das irritierte uns damals schon sehr, weil wir wussten, dass diese Handgranaten dazu da sind, in Panzer geworfen zu werden. Wir fragten uns, warum die Soldaten diese Handgranaten dabei hatten. „Ich habe damals in der Blumlage gegenüber der Kaserne gewohnt, von daher waren mir diese militärischen Dinge geläufig“, sagte Bövershausen