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Celle Stadt Geigenbauer aus Leidenschaft
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Geigenbauer aus Leidenschaft
13:35 19.03.2012
Kennt sich mit dem Bau von Streich- und Zupfinstrumenten bestens aus: Wolfgang August Uebel. Quelle: Amelie Thiemann
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Bereits beim Betreten des Musikhaus Uebel am Neumarkt ist die lange Tradition des Instrumentenbauers spürbar: Unterschiedliche Streich- und Zupfinstrumente hängen an den Wänden, dazwischen Geigen mit verschlungenen Ranken als Verzierungen, altertümlich anmutende Schnitzereien am Geigenhals, Fotos von Künstlern, die Wolfgang August Uebels handgefertigte Instrumente spielen.

„Das Handwerk des Instrumentenbauers wurde schon 1710 von meinen Vorfahren ausgeübt“, berichtet Uebel stolz. Der 79-Jährige ist Instrumentenbauer mit Leidenschaft. In der Musikstadt Markneukirchen, Uebels Heimatort, ging der damals 14-Jährige beim Geigenbaumeister Heinrich Heberlein junior in die dreijährige Lehre. Anschließend restaurierte Uebel Instrumente, unter anderem für das Ashmolean Museum in Oxford. 1968 machte er sich mit einem Geschäft in Celle selbstständig, das er bis zu seinem Ruhestand 1995 führte. Danach übernahm Tochter Frauke, ebenfalls Instrumentenbauerin, das kleine Unternehmen.

„Ich wusste schon als Kind, dass ich Geigenbauer werden wollte“, sagt Uebel und erzählt, wie er einen Großteil seiner Kindheit in der Werkstatt seines Vaters verbrachte.

Für das Handwerk seien handwerkliches und künstlerisches Geschick sowie ein musikalisches Gehör notwendig. Uebel spielt selbst etwas Geige. „Ich kann nur soviel, dass ich den Preis meiner Geigen bestimmen kann“, verrät der Instrumentenbauer.

Wenn es um den Bau der Streichinstrumente geht, reicht Uebels Wissen sehr viel weiter. Er benennt jedes Geigenteil mit schlafwandlerischer Sicherheit, die Bezeichnungen kommen wie aus der Pistole geschossen. Rechteckige, etwa daumendicke Holzstücke stehen an Uebels Arbeitsplatz verteilt. Aus ihnen werden Geigenboden und –decke hergestellt. Der Instrumentenbauer schabt das überflüssige Holz aus den dicken Platten heraus, langsam entsteht so die gewölbte Geigendecke. Diese ist aus Fichte, einem weichen Holz. Der Boden ist aus Ahorn. Dieses harte Holz ist für die tiefen Töne zuständig. Die Zargen, die Seitenteile der Geige, werden über einem heißen Eisen in Form gebracht. Anschließend werden die verschiedenen Holzteile verleimt, die F-Löcher ausgeschnitten, ein Geigenhals mit Stimmwirbeln und Griffbrett angebracht.

„In die Geigendecke wird rundherum eine Umrandung von einem Millimeter gehobelt, der sogenannte Span. Dieser verhindert, dass das Holz bei Temperaturunterschieden reißt“, erläutert Uebel.

Anschließend wird die Geige lackiert. „Jeder Geigenbauer hat dafür sein eigenes Rezept, das wird nicht verraten“, sagt Uebel augenzwinkernd. Die Rezeptur ist schon seit 1710 in Familienbesitz. Soviel sei verraten: Die Lackierung besteht aus natürlichen Harzen und Naturfarben. Die Kinnstütze komplettiert die Geige – fertig. „In einer Geige stecken ungefähr 250 Arbeitsstunden“, sagt Uebel und betrachtet die Geigen fast liebevoll.

So eine Geige hat ihren Preis. Mit Billigimporten aus China kann Uebel nicht mithalten. Wenn er über den Konkurrenzdruck spricht, wird seine Stimme abweisend. Das Geschäft lohne sich nicht mehr, seine Tochter verkaufe meist nur ein paar Saiten die Woche. Kürzlich hat eine Cellistin ein neues Cello bei Uebel bestellt, ab 6000 Euro ist dieses Instrument bei ihm zu haben. Das sei eher die Ausnahme, Aufträge für neue Instrumente gebe es selten. „Die schöne Zeit ist vorbei“, sagt Uebel wehmütig.

Von Amelie Thiemann