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Celle Stadt Gelungene Integration: In 195 Tagen zu Cellern geworden
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Gelungene Integration: In 195 Tagen zu Cellern geworden
19:47 08.04.2016
Celle Stadt

Nach ihrer 24-tägigen Flucht über die Türkei und Griechenland kamen die beiden Brüder Mouaz Abou (19) und Ahmad Abo Alkasab (23) am 6. September in Celle an. Am Kickertisch der Erstaufnahme-Einrichtung in Wietzenbruch lernten die Syrer Wilhelm Lilje, Leiter der Statistik in der Immelmann-Kaserne, kennen. Der Escheder half den beiden bei allen Gängen: zu Behörden, Versicherungen und Banken. Für jeden hat er einen dicken Ordner mit allen Unterlagen angelegt. Und auch Mouaz und Ahmad haben ihre Erlebnisse nicht nur auf Handyfotos festgehalten. Sie wollen ein Buch schreiben, das den Titel tragen soll: "Aufbruch. Die Flucht in eine neue Zukunft."

Anfang November zogen die Brüder in die zentrale Anlaufstelle am Maschweg. Bereits am Nikolaustag konnten sie in ihre Wohnung am Herzog-Ernst-Ring einziehen. Seit Januar sind sie anerkannte Flüchtlinge und dürfen drei Jahre im Lande bleiben. „Sie sind jetzt richtige Deutsche, sie dürfen nur nicht wählen“, erklärt Lilje. Doch der Aufenthaltstitel samt Integrationskurs war ihnen nicht genug: "Wir möchten gerne arbeiten", sagten sie zu ihm. Und so brachte er die beiden Syrer im Tryp-Hotel in Lohn und Brot.

In 195 Tagen hat Lilje alles ehrenamtlich geregelt und seine Kontakte spielen lassen. „Wenn man es wirklich will, ist es zu schaffen“, betont er. Er hat die Brüder aus Damaskus zu allen Institutionen begleitet, im Internet nach einer Wohnung gesucht, diese mit Möbeln eingerichtet, ein Konto eröffnet und sogar Unfall- und Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Lilje hat sein Organisationstalent bereits für die Initiative „Lachen helfen“ bewiesen, indem er seit fünf Jahren Benefizkonzerte organisiert. Als Laiendarsteller machte er sich auch schon auf die Spuren von Georg Ludwig und arrangierte die Krönungsreise von Hannover nach London.

1993 war Lilje in Somalia. „Dort habe ich viel Elend miterlebt“, erzählt er. Er war entsetzt, als die Menschen in einem Flüchtlingslager im Müll tauchten, um so viel wie möglich aus dem Dreck herauszuholen. „Solchen Leuten muss man einfach helfen“, ist Liljes Überzeugung. Mouaz und Ahmad bedanken sich bei jeder Gelegenheit. Sie kommen mit zum Holzhacken oder zu Fußballspielen und kochen gern. „Mit der Zeit sind wir eine richtige Familie geworden“, erzählt Lilje. Zu den Eltern, die gerade in Jordanien sind, halten die beiden täglich Kontakt – auch zu den sieben Geschwistern.

Ihr neuer Chef, Tryp-Hotel-Direktor Hajo Jeß, betont, dass Integration in allen Bereichen wichtig ist. „Wir schaffen das“, sagt er frei nach den Worten der Bundeskanzlerin. „Wenn allein jeder 40. Haushalt einen Flüchtling betreuen würde, hätten wir kein Problem mehr.“ Im Tryp-Hotel haben die Syrer die Möglichkeit, die Celler und die Arbeitswelt kennenzulernen. Die erste Arbeitswoche sei sehr gut gelaufen, so Jeß. Sein Küchenchef habe ihm berichtet: „So etwas Williges hat er noch nicht gesehen.“ Für Jeß werde es immer schwieriger, gutes Personal zu finden. Trotzdem betont er: "Später müssen sie entscheiden, wo sie ihre Zukunft sehen." Beide wollen einmal studieren. Mouaz möchte später als Arzt arbeiten und Ahmad träumt davon, Flugzeugingenieur zu werden.

Von Dagny Rößler