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Celle Stadt Generalinspekteur der Bundeswehr referiert in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Generalinspekteur der Bundeswehr referiert in Celle
09:20 16.02.2012
Bundeswehr zwischen Einsatzrealit‰t und Neuausrichtung. - Volker Wieker. Quelle: Alex Sorokin
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Auch für den obersten Soldaten Deutschlands ist es eine gewaltige Aufgabe. Als erster Mann an der „Front“ muss General Volker Wieker seinen Beitrag dazu leisten, der Bundeswehr einen neuen Sinn zu geben. Kalter Krieg? Geschichte. Wehrpflicht? Gefühlt: abgeschafft; formal korrekt: ausgesetzt. Seit Mitte der 1990er Jahre sind deutsche Soldaten im Ausland aktiv, die meisten seit über zehn Jahren in Afghanistan. Das verändert die Armee, das muss die Armee verändern. Von einer „Operation am offenen Herzen“, während der der Patient weiterhin funktionieren müsse, spricht Wieker am Dienstagabend in Celle vor rund 450 Menschen. Viele von ihnen sind ehemalige und noch aktive Soldaten. Der fast 56 Jahre alte Referent stammt aus Delmenhorst. In seiner Karriere beim Militär, die 1974 begann, hat er es bis an die Spitze, bis zum 15. Generalinspekteur der Bundeswehr (seit dem 21. Januar 2010) gebracht. Wiekers Thema auf Einladung der Rotary Clubs Celle und Celle-Schloss: „Die Bundeswehr zwischen Einsatzrealität und Neuausrichtung“.

Die seit dem 1. Juli 2010 ausgesetzte Wehrpflicht hat für den General „Verfassungsrang“ und bleibe „Bestandteil der Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland“; sie könne jederzeit wieder aufgerufen werden, sagt er. Als Freiwilligenarmee müssten die Streitkräfte für junge Leute attraktiver werden, weil viele von ihnen sich nicht so schnell abnabelten und lieber „im rückwärtigen Gefechtsstand bei Muttern bleiben“. Im Jahr 2015 stünden noch insgesamt etwa 600.000 Frauen und Männer zur Verfügung, die als Freiwillige für die Bundeswehr in Frage kämen. „Wenn sie 10.000 junge Leute benötigen, brauchen sie 9000 bis 10.000 Bewerber, um 5000 rekrutieren zu können“, rechnet Wieker vor. Nötig seien 70.000 Bewerber pro Jahr – mehr als zehn Prozent eines Jahrganges. Dies zu erreichen, sei ein „schier aussichtsloses Unterfangen, wenn die Bevölkerungszahl wegen der sinkenden Geburtenrate deutlich rascher als bisher abnehmen wird“.

Als „im Ergebnis insgesamt moderat ausgefallen“ wertet der Generalinspekteur die Reform-Entscheidung, in den kommenden Jahren 30 Standorte zu schließen. Niedersachsen und auch die Heideregion rund um Bergen, Celle und Munster sind dabei vergleichsweise gut davongekommen. Wieker weiß – ebenso wie der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus – um die „schlechte, mindestens aber unzufriedene Stimmung“ unter vielen Soldaten, weil diese oft nicht wissen, wie und wo es in Zukunft für sie und ihre Familien weitergeht. „Die Umsetzungsphase wird erst im Herbst beginnen können“, sagt der General im Blick auf die Bundeswehrreform. Dabei geht es darum, die jetzt auf eine Sollstärke von 250.000 Soldaten ausgelegten Strukturen der Armee an die heutige Antrittsstärke von 195.000 Frauen und Männern anzupassen.

Betroffen davon sind auch die Zivilbeschäftigten, deren Durchschnittsalter bei 55 Jahren liegt. „Alters- und strukturgerechter Umbau des Personalkörpers“ heißt hier das Zauberwort. Im vergangenen Jahr wurden laut Wieker 98.000 zivile Mitarbeiter bezahlt, von denen aber nur 68.000 tatsächlich gearbeitet haben. Laut Ministerium sind es aktuell sogar 100.780 bezahlte Mitarbeiter. Die Differenz erklärt sich aus 16.900 Beschäftigten in Altersteilzeit und Menschen, für die es „keine Aufgabe mehr gibt“ oder deren Qualifikation nicht zu den vorhandenen Aufgaben passt.

Aber nicht nur „unten“, auch „oben“ soll reformiert werden. So ist laut Wieker geplant, die Zahl der Hauptquartiere im Nato-Bündnis von elf auf sechs und die Zahl der dort tätigen Soldaten von 13.000 auf 8000 zu verringern. „Es bleibt kein Stein auf dem anderen“, betont der General und fügt hinzu: „Welche Bälle müssen eigentlich ruhen, wenn alle anderen in der Luft sind?“

Dies gelte vor allem für die Unterstützung der Einsätze. Mit Blick auf Afghanistan spricht er von einem „Brückenschlag“: „Wir pflastern den Weg hin zur Übernahme der eigenen Sicherheitsverantwortung durch die Afghanen.“ Deren Unterstützung werde aber auch nach dem bis Ende 2014 geplanten Abzug der westlichen Truppen fortgesetzt: „Die Afghanen müssen ihren eigenen Raum halten können.“

Von Hans-Jürgen Galisch