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Celle Stadt Gespaltene Fersen und Bananen für Wessis
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Gespaltene Fersen und Bananen für Wessis
20:33 07.11.2014
Stasibehörde Vera Iburg 9 2014 Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

Karin Abenhausen, damals noch Studentin, machte sich im Verlauf des Abends auf den Weg zu ihrer Wohnung nach Hannover, da sie am nächsten Morgen stellvertretend für ihre Professorin ein Seminar leiten sollte. Doch die Ereignisse ließen die junge Frau nicht los. Als sie an ihrem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher sah, wie die Ostberliner zur Mauer strömten, die ersten Grenzbäume hochgingen und die Menschen von Ost nach West wechselten, stand für das Ehepaar fest: „Wir fahren nach Berlin.“

Um fünf Uhr morgens stand das Paar mit vielen anderen vor Aufregung schlotternd am Grenzübergang Invalidenstraße mitten in Berlin. „Beim Passieren der kleinen Holzverschläge, in denen wir einfach durchgewunken wurden, schlug mein Herz bis zum Hals“, erinnert sich Abenhausen, die sich danach mit der jubelnden, aber noch ungläubigen Menge zum Alexanderplatz aufmachte. Dort herrschte „ein Treiben wie zur besten Einkaufszeit“.

Erschöpft von der langen Nacht, machte sich das Paar gegen acht Uhr morgens auf zu Berliner Verwandten und blickte in irritierte Gesichter: Abenhausens Onkel und Tante hatten trotz der räumlichen Nähe überhaupt nichts von der Grenzöffnung mitbekommen, so dass umgehend die restliche Verwandtschaft in ganz Deutschland informiert wurde.

Nach einer kurzen Pause machte sich das Paar auf zur Mauer nahe dem Brandenburger Tor, um sie wie Tausende andere zu besteigen. „Überall waren Leitern angelegt. Wo sie fehlten, fanden sich hilfsbereite Hände für Räuberleitern und andere, die einen hochzogen. Was für ein Moment“, sagt Abenhausen. In dem Getümmel verlor sie ihren Mann aus den Augen und entdeckte ihn irgendwann schmerzverzehrt und fast ohnmächtig werdend am Fuß der Mauer. Abenhausen ließ sich herabhelfen und stellte fest, dass ihr Gatte das besser auch hätte tun sollen. Stattdessen war er von der Mauer gesprungen und hatte sich die Ferse gespalten. Also auf ins Krankenhaus Moabit. Der Notarzt begrüßte die beiden mit einem ungnädigen Blick: „Mein Gott, heute schon die 15. gespaltene Ferse. Wie viele soll ich denn noch behandeln?“

Mit frisch eingegipstem Bein und Krücken machten sie sich auf zum Schöneberger Rathaus, vor dem Willy Brandt, Walter Momper und Helmut Kohl sprachen. Als das Paar gegen zwei Uhr nachts wieder bei den Berliner Verwandten aufschlug, brach die Tante in schallendes Gelächter aus, denn das Bein ihres Mannes musste ebenfalls eingegipst werden. „Im Übermut tanzten wir mit Krücken den Rest der Nacht Tango und fanden nur kurz Schlaf“, so Abenhausen.

Am nächsten Morgen machten sich alle, nachdem zwei Rollstühle organisiert wurden, auf zur Glienicker Brücke, über die ein Tross von Trabis und Wartburgs gen Westen zog und frenetisch von den Menschen begrüßt wurde. Wildfremde lagen sich in den Armen, es herrschte eine überschwängliche Stimmung der Freude. Ihr Mann aber wurde auf ungewöhnliche Weise ernüchtert, so Abenhausen: „Ein älterer Herr begrüßte ihn mit den Worten ‚Willkommen im Westen‘ und legte ihm eine Banane in den Schoß.“

Von Kai Knoche