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Celle Stadt Gestochen scharfe Kunstwerke
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Gestochen scharfe Kunstwerke
16:48 18.09.2018
Von Christoph Zimmer
Kunst mit heißer Nadel: Tätowiererin Ninja V. Herrmann aus Celle bei der Arbeit. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Ein L aus elegant geschwungenen Linien an ihrem linken Handgelenk. Das war das erste Tattoo von Ninja V. Herrmann. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag ließ sie sich das Motiv in London stechen, eine Erinnerung an den Urlaub mit Freunden, den sie vor neun Jahren in der britischen Hauptstadt verbrachte. An ihrer Leidenschaft für Tattoos hat sich seitdem nichts geändert. Ganz im Gegenteil. Jetzt ist die 27 Jahre alte Cellerin selbst Tätowiererin – und unter den zehn besten Künstlern beim nach eigenen Angaben weltweit einzigartigen Nachwuchswettbewerb des renommierten Tätowiermagazins.

Tätowierer und Mitarbeiter des Magazins wählten ihre Arbeiten aus insgesamt mehr als 1000 Einsendungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. „Das Gefühl ist total surreal. Unter den besten zehn Nachwuchstätowierern zu sein, ist schon eine fantastische Auszeichnung“, sagt die Künstlerin, die mit ihrem Freund in der Celler Innenstadt wohnt. Alle Kandidaten, die nicht länger als drei Jahre tätowieren durften, mussten fünf Tattoobilder und eine Zeichnung einreichen. „Das war eine ganz schwierige Entscheidung. Am Ende habe ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen“, sagt Herrmann mit Blick auf ihre Motive (unter anderem ein Löwenkopf, eine Frau im Badeanzug beim Sprung und eine mit Schrift und Blumen verzierte Sanduhr). Bei dem Wettbewerb können junge Tätowierer sich und ihre Arbeiten einem breiten Publikum vorstellen.

Herrmann kommt aus Villingen im Schwarzwald und hat Design und Fotografie in Hildesheim studiert. Durch einen Zufall lernte sie Tony Mulkes kennen, den Inhaber des Trendkill Tattoostudios im Südwall in Celle, der sie ausbildet. „Zeichnen stand für mich schon immer im Vordergrund. Und der Beruf des Tätowierers hat mich total begeistert“, sagt sie. In der Ausbildung fing sie an, aktiv Tattoos zu zeichnen. „Alles muss viel sauberer sein. Wenn die Linien und Formen klar sind, wächst daraus das Motiv“, erklärt die Künstlerin den Unterschied zu ihren bisherigen Zeichnungen. „Es sind Kunstwerke für die Ewigkeit, die ich mache. Und die sollen auch in 20 Jahren noch so aussehen, als wären sie gerade erst gestochen worden.“

Kunst und Kommunikation sind für sie ganz wichtig. „Meistens haben die Kunden klare Vorgaben. Bevor ich anfange zu zeichnen, sprechen wir ausführlich darüber“, sagt die Künstlerin, die auf Kunsthaut oder Obstschalen wie Bananen gelernt hat. „Schweinehaut ist eklig. Außerdem kann man die Motive nicht behalten“, sagt sie mit einem Lächeln. Viele ihrer Kunden sind weiblich. „Aktuell sind Blumen, Tiere und Frauenköpfe sehr stark gefragt. Die Kunden setzen immer mehr auf Ästhetik.“ In ihrem Atelier hängen verschiedene Zeichnungen von Tattoos, darunter ein Porträt von Schriftsteller Arno Schmidt aus Bargfeld und ein Logo des Rios, der Anfang des Jahres geschlossenen Kultkneipe am Neumarkt. Es sind Liebeserklärungen der Kunden an Menschen und Orte ihrer Heimat. Gestochen werden sogenannte American Traditionals, das ist eine Kunstform mit dicken Linien, starken Kontrasten und satter Farbe.

Fotorealismus oder Klischeetattoos wie Mond und Sterne steche sie nicht, sagt sie. Auch mitgebrachte Motive aus dem Internet sind für sie ein Tabu. „Ich will für die Menschen ein Tattoo stechen, das es sonst nicht noch einmal auf der Welt gibt. Es soll etwas Einzigartiges sein, weil es oft mit Gefühlen verbunden ist.“ Wenn sie Fotos ihrer Kunden in sozialen Medien sieht, macht sie das stolz und glücklich. „Es gibt kein schöneres Gefühl, als Bilder von Menschen aus dem Urlaub zu sehen, die stolz ihr Tattoo zeigen.“

ABSTIMMEN: Bis zum 21. September kann man auf www.taetowiermagazin.de/magazin+_und_+extras/nachwuchscontest für die Tätowierer abstimmen. Die drei Punktsieger werden im November bei der Messe Tattoomenta Tattoo & Piercing Show in Kassel zu einem bis dahin unbekannten Thema eine Tätowierung stechen. Eine Fachjury wird dann entscheiden, wer Nachwuchstätowierer 2018 wird.