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Celle Stadt „Gläserne Wand“ soll Gymnasiasten Durchblick erleichtern
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Gläserne Wand“ soll Gymnasiasten Durchblick erleichtern
15:34 09.11.2010
Inmitten des aufspielenden Ernestinum-Orchesters überreichte Michael Stier die Bücher "Die gläserne Wand" an den Schulleiter. Von links: Pastor i.R. Rudolf Bembenneck, Judith Rohde, Michael Stier und Dr. Detlef Fechner. Quelle: Gert Neumann
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CELLE. Das Buch „Die gläserne Wand“ wurde 1960 niedergeschrieben. Autobiografisch ist es und war offensichtlich nicht einmal zur Veröffentlichung bestimmt. Denn das Manuskript wurde erst spät nach dem Tod Blumenthals 1983 aufgefunden.

Als Ernst-Günther Blumenthal war der Autor 1912 als Kind jüdischer Eltern in Berlin zur Welt gekommen. Nach dem frühen Tod von Mutter (im Kindbett) und Vater (1914 bei einem Verkehrsunfall) wuchs er ab 1914 in einem Burgdorfer Rabbiner-Haushalt liebevoll auf. Burgdorf sollte fortan seine zweite Heimat bleiben. Hier wurde er fast ausschließlich vom neuen Vater unterrichtet und von hier aus schaffte er den Sprung ans Celler Ernestinum in der Magnusstraße.1930 legte Blumenthal sein Abitur mit Auszeichnung ab und studierte bis 1933 Jura in Köln. Zum Ersten Staatsexamen wurde er indes von den Nationalsozialisten nicht mehr zugelassen. Obgleich er noch zum Dr. jur. promovieren konnte, bedeutete dies für ihn in Deutschland das Karriereende.

Er wanderte 1933 nach England aus und lebte ab 1948 bis zu seinem Tod im in Palästina beziehungsweise Israel. Erst danach wurde das in Deutsch gefertigte Manuskript gefunden und 2004 unter dem Titel „Die gläserne Wand“ veröffentlicht.

Früh hatte Blumenthal erfahren müssen, dass die Herabsetzung der Juden schon in der Weimarer Zeit kein Randphänomen, sondern im sozialen Leben der Deutschen stark verankert war. Symptomatisch dafür das so genannte „Borkum-Lied“. Die Kurkapelle der Insel konnte ungestraft zum Text „Lasst keinen Jud` in Eure Mitte, Borkum soll frei von Juden sein“ aufspielen.

All dies hat Blumenthal nicht daran gehindert, Sympathie zu Deutschland zu bewahren und in Israel gegen Deutschenhass anzukämpfen. Er besuchte sogar zweimal Burgdorf und auch das Celler Gymnasium.

Ein Nachhause-Kommen war es dennoch nicht für ihn, zu viele Spuren der Kindheit waren zerstört. Aber er fand neue Kontakte, die bis heute von beiden Seiten gepflegt werden. Unter anderem von Pastor in Ruhe Rudolf Bembenneck und Judith Rohde, Sprecherin des „Arbeitskreises Gedenkweg 9. November in Burgdorf“. In ihrer Gegenwart überreichte Michael Stier Schulleiter Detlef Fechner im Forum des Ernestinums die Bücher, die ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument sind.

Von Gert Neumann