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Celle Stadt Goethes Iphigenie auf Tauris vor Premiere im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Goethes Iphigenie auf Tauris vor Premiere im Celler Schlosstheater
19:19 19.01.2014
Am Freitag feiert das Stück „Iphigenie auf Tauris“ im Schlosstheater Premiere mit Sibille Helfenberger in der Rolle der Iphigenie und Raphael Seebacher als Orest. Quelle: Alex Sorokin
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Eine Zusammenfassung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ ist eine höchst undankbare Aufgabe – gar zu komplex kommt die Geschichte daher, gar zu vielfältig sind die Ebenen dieses Stoffs. Der zentrale Punkt bleibt indes die Klemme, in der die Titelfigur steckt, als sie sich in ihrer Eigenschaft als Priesterin unvermutet zum Menschenopfer verpflichtet sieht und die hierfür Auserwählten ausgerechnet der eigene Bruder und dessen Freund sind. Fliehen oder die Karten gegenüber dem König offen auf den Tisch legen? Das ist hier die Frage …

Ein sehr sprachmächtiges Stück, das heutzutage wohl kaum ungekürzt auf die Bühne gebracht werden kann. „Wir haben ungefähr ein Viertel gestrichen“, sagt zumindest Tobias Sosinka, Chefdramaturg des Schlosstheaters und Regisseur bei der „Iphigenie“. „In erster Linie Passagen, in denen es viel um Details der Mythologie geht, und philosophische Ausführungen.“ Nachvollziehbar, denn die Gefahr, dass Sprache und Aktion gar zu sehr ins Ungleichgewicht geraten, besteht hier durchaus – es hat schon seine Gründe, dass Schiller bei seinen Bemühungen, die „Iphigenie“ zu inszenieren, einst an Goethe schrieb: „Es gehört nun freilich zu dem eigenen Charakter dieses Stücks, daß dasjenige, was man eigentlich Handlung nennt, hinter den Koulissen vorgeht …“

Sosinka ist sich dessen natürlich bewusst, hegt aber gleichwohl keine Absichten, etwa mit einer großen Materialschlacht zu punkten, eher im Gegenteil: „Es gibt nicht viele Requisiten, ein paar Ketten, nachher Schwerter. So gesehen sind die Darsteller nackt. Sie müssen die Konflikte der Figuren weitgehend ohne äußere Hilfsmittel deutlich machen.“ Das dramatische Potenzial besagter Konflikte schätzt der Regisseur indes bei allen fünf Charakteren sehr hoch ein: „Iphigenie zum Beispiel ist nicht nur ein zartes Wesen. Wenn die was wissen will, dann will sie’s auch wirklich. Oder König Thoas, der ja auch Realpolitiker sein muss. Das Volk verlangt entweder einen Thronfolger oder die Wiedereinführung des Opfers – wie soll Thoas mit dieser Situation umgehen, nachdem Iphigenie seinen Heiratsantrag abgewiesen hat?“

Das Bühnenbild für all das wird im Prinzip durchaus der von Goethe vorgesehene Tempelhain sein, jedoch mit gewissen Besonderheiten: „Bei uns könnte es auch an eine Szenerie nach dem Ende des 3. Weltkriegs erinnern“, kündigt Sosinka an. „Das Bühnenbild verändert sich außerdem im Laufe des Abends.“ Ebenso mehrdeutig sollen die Kostüme ausfallen: „Da mischt sich die Tradition mit Elementen, die etwas von Science-Fiction an sich haben. Es fällt ja auf, dass die Begriffe in beiden Bereichen oft die gleichen sind.“ Allerdings werden keine Jedi-Ritter auf Tauris eintreffen, und auch Laserpistolen kommen nicht zum Einsatz – gekämpft wird, mit den althergebrachten Schwertern.

Überhaupt legt der Regisseur keinen Wert auf bemühte Modernismen: „Was nicht heißt, dass es keine Parallelen zur Jetztzeit gibt. Um nur ein Thema zu nennen: Wenn man sich die Griechen, die als Inbegriff des zivilisierten Volks gelten, bei den angeblich so barbarischen Taurern anschaut, können schon Gedanken aufkommen, ob diese Etiketten überhaupt stimmen – und ob es entsprechende Verhältnisse nicht auch heute gibt.“

Von Jörg Worat