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Celle Stadt Götz Alsmann in Celle: Trotziges Geburtstagsständchen für Arno Schmidt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Götz Alsmann in Celle: Trotziges Geburtstagsständchen für Arno Schmidt
17:54 20.01.2014
Götz Alsmann begeisterte das Publikum im Celler Schlosstheater - mit einem Konzert zu - Arno Schmidts 100. Geburtstag. Quelle: Benjamin Westhoff
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Leider lässt sich nicht mehr feststellen, ob Arno Schmidt seine Abneigung gegen „die albernen Schlager“ nach diesem ihm zum Geburtstag gewidmeten Konzert weiterhin aufrechterhalten oder vielleicht doch revidiert hätte. Das Publikum jedenfalls war hellauf begeistert. Leicht, aber nie seicht war der künstlerische Anspruch, als Götz Alsmann mit streichelsanft umschmeichelnder Stimme und Schalk im Nacken in die Schlagerwundertüte griff und einen fast schon vergessenen Schatz nach dem anderen hervorzauberte.

Ob Operettenmelodien von Paul Abraham wie das „Mausi, süß warst du heute Nacht“ aus „Viktoria und ihr Husar“ (Alsmann: „Die Platte wurde in meinem Elternhaus jeden Sonntag mit dem Frühstücksei serviert“) oder die 50er-Jahre-Herz-Schmerz-Schlager von Bully Buhlan wie „Gib mir einen Kuss durchs Telefon“ – der bekennende Arno-Schmidt-Leser Alsmann trotzte dem Kultautor und verhalf den von Schmidt „gehassten“ musikalischen Schätzen zu neuem Glanz.

Diese alten Schlager „überdauern jede Schmidt’sche Attacke“, versicherte er den Zuhörern auf so charmante Art und Weise, dass dieser Schlagerabend auch für die eingefleischtesten Schmidt-Fans nicht zur herausfordernden Gratwanderung, sondern zum schieren Vergnügen wurde. Wie hätte man auch abweisend die Stirn runzeln können bei Versen wie „...weil man leicht die Zeit vergisst, wenn man sich im Mondschein küsst“?

Allerdings brachte Alsmann auch immer wieder Verständnis für Schmidts Abneigung auf und lieferte mit Titeln wie „Jaja, das Klima in Lima ist prima“ Beispiele für dessen Kopfschütteln über diesen „Mischmasch aus Rumben, Cha Chas und Samben und Menschen, die das texten, vertonen, kaufen und anhören“. Zum andern – argumentierte Alsmann – dürfte auch die urbane Finesse vieler Heile-Welt-Schlager dem zurückgezogen lebenden Schmidt „auf den Geist gegangen“ sein. Trotzdem habe Schmidt viele der aus dem Radio erklingenden Schlager mitgesungen, auch wenn ihn etwa bei „La Paloma“ die „Oktavsprünge von einer weißen Taube zur nächsten“ mächtig gestört haben sollen.

Vermutlich hätte Schmidt auch mit dem zweiten Teil des Schlagerabends seine Probleme gehabt. Denn da wurde es erotisch, wie der aus Münster stammende Alsmann zuvor augenzwinkernd ankündigte: „Ich genieße es, in einer protestantisch geprägten Stadt aufzutreten.“ Und nach Robert Stolz’ kokettem „Hallo du süße Klingelfee“ bot er von Minneliedern, die man „seinerzeit unter dem Ladentisch gehandelt“ hat, bis zu zotigen Burschenliedern wie „Bin ein alter Orgelmann“ seinem Kultautor posthum noch Beispiele für „Schlager, mit denen man Wühlmäuse wegsingen könnte“. Da wirkte das abschließende „Bei mir zu Haus, da blüht ein wunderschöner Garten“ fast schon ironisch.

Von Rolf-Dieter Diehl