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Celle Stadt Großartige Premiere im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Großartige Premiere im Celler Schlosstheater
13:30 03.02.2014
Nina Damaschke, Monika Häckermann, Kathrin Ost Quelle: Jochen Quast
Celle Stadt

„Die Eisbären“ im Malersaal des Schlosstheaters: Das bedeutet 90 pausenlose Minuten fast ohne jeglichen Leerlauf. Und ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich die Regie zuweilen mutig von der Vorlage entfernen und derselben gleichwohl allen Respekt erweisen kann.

Ilse Wahlgren hat Geburtstag – im Original ist es der 72., hier der 66., womit auch schon eine der ganz wenigen Abweichungen genannt wäre, die sich nicht unmittelbar erschließen. Die Töchter der Jubilarin kommen zu Besuch, doch von herzlichem Umgang miteinander kann keine Rede sein. Vielmehr dominieren Spannungen: Man stichelt hier, stichelt da und redet munter aneinander vorbei. Insbesondere Geburtstagkind Ilse nervt, betont, dass sie sich nicht beklagen wolle, und tut doch nichts anderes als eben das. Verkündet pathetisch, noch keine Mutter habe so sehr geliebt habe wie sie selbst, und bohrt zugleich zielsicher in den Beziehungsproblemen und anderen wunden Punkten ihrer Töchter herum.

Die ältere, Gertrud, hat zunehmend Schwierigkeiten, ihre Rolle als die „Vernünftige“ aufrecht zu erhalten. Und Schwesterherz Solveig sucht sich vergebens in eine gewisse Flippigkeit zu retten: Ihr Auftreten ist etwas zu forsch, der Lippenstift wirkt etwas zu knallig, und die mitgebrachten Blumen sind etwas zu zahlreich. Zunehmend werden Komplizenschaften und Brüche innerhalb dieser Familie deutlich: Die Schwestern sind offenbar eher die Lieblinge des Vaters gewesen, während Ilses Zuneigung stets vor allem Sohn Gabriel gegolten hat, der als mittlerweile erfolgreicher Schriftsteller wegen eines Fernsehauftritts nicht zur Familienfeier kommen kann.

Birgit Botts asymmetrisches Bühnenbild mit den verwinkelten Stufen lässt keine flüssigen Bewegungsabläufe der Darstellerinnen zu und greift so bestens die unbehagliche Atmosphäre des Geschehens auf. Und Regisseurin Vanessa Wilcke hat die kleinen und großen Peinlichkeiten dieser Kommunikationskatastrophe punktgenau herausgearbeitet, inklusive Wiedererkennungswert – wer hat es etwa nicht schon mal erlebt, dass Geschenken mit ebenso überschwänglicher wie offenkundig geheuchelter Freude begegnet wird? Punktuell klinken sich die Darstellerinnen aus dem Gesamtzusammenhang aus und kehren per Mikrofon ihre inneren Gedanken nach außen, was der Originaltext zwar nicht vorsieht, aber die Vereinzelung dieser Charaktere schlüssig verdeutlicht. Auch kommt der Humor durchaus nicht zu kurz: Da das Tieftraurige und das Hochkomische bekanntlich eng beisammen liegen, gibt es bei manch fieser Pointe Gelächter im Publikum.

Irgendwann bricht sich die Verfremdung endgültig Bahn: Nachdem bislang von Eisbären nur hier und da gesprochen wurde, tritt ein solcher tatsächlich auf, um den Bildschirm zu präsentieren, auf dem nun Starautor Gabriel seine Show abzieht. Auf gehässigste Weise tritt der die gesamte Familie und vor allem die Mutter in die Tonne – Karsten Zinser flegelt sich durch diese Rolle, als wolle er den Klaus-Kinski-Gedächtnispreis gewinnen.

Neben der bis hin zur Schlusspointe durchdachten Regie tragen auch alle drei Hauptdarstellerinnen wesentlich zum Gelingen des Abends bei. Monika Häckermann ist eine fast schon schmerzhaft verbohrte Ilse, Nina Damaschke bringt als Gertrud eine anrührende, aber unpathetische Verletzlichkeit ins Spiel. Auch in Kathrin Osts Solveig kann man sich gut einfühlen, allerdings ersetzt die Akteurin manchmal Intensität durch Vehemenz und wirkt in solchen Momenten weniger glaubwürdig.

Macht aber letztlich nix: Diese Inszenierung ist ein Hit – Karten besorgen!

Von Jörg Worat