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Celle Stadt Grüße aus Schilda für Behinderte in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Grüße aus Schilda für Behinderte in Celle
07:40 23.03.2017
Im Celler Zentrum kann Christoph Herms momentan keine der beiden öffentlichen Behindertentoiletten nutzen. Für den Rollstuhlfahrer ist die Rampe am Kunstmuseum zu steil. Das WC auf der Allerinsel musste aufgrund der Hochwasserschutzmaßnahmen weichen. Quelle: Alex Sorokin
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Wenn Christoph Herms aus Wathlingen zum Einkaufen oder zum Arzt nach Celle fährt, muss er jeden Besuch generalstabsmäßig planen. Denn der 46-Jährige sitzt im Rollstuhl. Er muss wissen, wo er parken kann, welches Behinderten-WC gerade in Betrieb ist und welche Stufen ihm schon den Weg versperrt haben. Besonders ärgerlich findet Herms die Schilder in der Altstadt, die Rollstuhlfahrer zur öffentlichen Behindertentoilette am Bomann-Museum lotsen. "Da fahre ich als Tourist durch die halbe Stadt, die letzten Meter noch schweißtreibend über Kopfsteinpflaster, und lese dieses Schild, das doch das ganze System infrage stellt." Denn darauf steht: "Öffentliches WC. Rampe nicht behindertengerecht."

"Das ist ein Schildbürgerstreich", sagt Bernd Skoda, der beim SoVD-Kreisverband Celle Experte für Barrierefreiheit ist. "Die Rampe ist ungefähr doppelt so steil wie erlaubt und für blinde Menschen nicht auffindbar, da ein Aufmerksamkeitsfeld am Leitsystem daneben fehlt", bemängelt er. "Dass die Rampe zu den WCs am Kunstmuseum steiler ist, als es die Norm vorgibt, ist eindeutig ungünstig, lässt sich aber aus geometrischen Gründen nur schwerlich ändern", antwortet Stadtsprecherin Myriam Meißner.

Im Moment sieht es für Rollstuhlfahrer in Celle duster aus. Nachdem die Stadtwerke Celle ihre Behindertentoilette im Parkhaus Südwall zur Weihnachtszeit mit einem Tannenbaum versperrten, wurde das WC inzwischen zum Lagerraum umfunktioniert. Dieses sei gesetzlich nicht vorgeschrieben und werde nicht genutzt, sagte der Stadtwerke-Chef.

Kein Wunder, denkt sich Skoda. Schließlich war das WC im Parkhaus, genauso wie die beiden öffentlichen Toiletten der Stadt, grundsätzlich geschlossen und konnte nur mit einem Spezialschlüssel geöffnet werden. Der Euro-WC-Schlüssel muss beim Bundesverband „Selbsthilfe Körperbehinderter“(BSK) für 20 Euro beantragt werden. Er passt an Toiletten in vielen anderen Städten und an Autobahnen. Skoda ist sicher, dass nur wenige von diesem Schlüssel wissen.

Die zweite öffentliche Behindertentoilette am Hafen ist momentan von der Baustelle für die Hochwasserschutzmaßnahme umgeben. "Da geht zurzeit überhaupt nichts", zeigt Skoda auf einem Foto. Als Ersatz werde eine neue barrierefreie Anlage neben dem Garnisonmuseum errichtet, weiß Sprecherin Meißner.

Für nicht absehbare Zeit in Celle nur eine eingeschränkt nutzbare Behinderten-Toilette der Stadt? "Das ist ein unhaltbarer Zustand und einem Touristenmagnet wie Celle nicht würdig", sagt Skoda und fordert schnellstmöglich Abhilfe. Der Experte räumt ein, dass auch Toiletten in bestimmten Geschäften genutzt werden können. "Die sind aber nur zu Öffnungszeiten und mitunter nur für Kunden benutzbar. Es versteht sich von selbst, dass dies kein Ersatz ist."

Momentan sei die Stadt damit beschäftigt, punktuell die Barrierefreiheit zu verbessern, sagt Meißner. Zum Beispiel wurde in der Eingangshalle des Alten Rathauses eine denkmalgerechte Rampe zum Trauzimmer errichtet. Beim Neubau des Osttraktes der Grundschule Altencelle sind eine barrierefreie Toilette und ein Aufzug vorgesehen. Allerdings könne die Stadt die meisten Bestandsgebäude nicht vollständig umrüsten. "Das liegt meist an den ungünstigen geometrischen und strukturellen Gegebenheiten", so Meißner.

Von Dagny Rößler