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Celle Stadt Hier stehe ich und kann nicht anders: Eine etwas andere Geschichtsstunde
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hier stehe ich und kann nicht anders: Eine etwas andere Geschichtsstunde
12:05 22.02.2010
„Aus tiefer Not schrei ich zu dir“: Die Darsteller des Luthermusicals nutzen nicht nur den Altarraum für ihr Spiel. Quelle: Torsten Volkmer
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Dass er großen Einfluss auf seine Nachwelt hat, dürfte Martin Luther bis zu seinem Todestag am 18. Februar 1546 wohl bereits klar gewesen sein. Dass seine Person rund 450 Jahre später allerdings einmal Mittelpunkt eines Musicals sein würde, dürfte ihm hingegen nicht im Traume eingefallen sein. „Martin L. – Das Luther-Musical“ heißt das Stück des norwegischen Autorenduos Øystein Wiik (Text) und Gisle Kverndokk (Musik), das nach seiner erfolgreichen Uraufführung bei den Erfurter Domstufen-Festspielen im Juli 2008 am vergangen Freitag nun auch in der Celler Stadtkirche zu sehen war. Es gastierte die Frankfurter Theaterkompanie „Die Katakombe“, die 2009 ihre 50. Spielzeit feierte und mit „Martin L.“ derzeit durch die Bundesrepublik reist, in einer Inszenierung von Carola Moritz.

Dem Ensemble aus neun Schauspielern, die allesamt große Emotionen zeigten, gelang es, sein Publikum mit auf eine Reise zu nehmen, die – wenn auch nicht immer historisch korrekt – den Weg Luthers vom Studenten über den Revoluzzer hin zum Reformator zeigt, hin- und hergerissen zwischen Liebe, politischen Intrigen, einem starken Willen und ebenso großem Zweifel, deren Inhalt dabei aber nicht nur den damaligen Zeitgeist trifft. Mit andeutenden Zitaten wie „Ich habe einen Traum“ oder „Das Volk sind wir!“, sowie mit an Geheimdienst und US-Militär in Abu-Ghraib erinnernde Praktiken bei der Befragung Luthers am Reichstag zu Worms und der Hinrichtung Thomas Müntzers, einer der Leitfiguren der Deutschen Bauernkriege, überdauert die Thematik mühelos fünf Jahrhunderte und scheint nur wenig an Aktualität verloren zu haben.

Zu jenem Eindruck trug natürlich auch die Musik bei, die mit rockigen Songs, einer E-Gitarren-Version des berühmten Luther-Chorals „Ein feste Burg“, einem swingenden Ragtime und weiteren musikalischen Raffinessen für abwechslungsreiche Vielfalt sorgte.

Mit einem oft losen Mund-werk, bei dem selbst ein Martin Luther nicht schlecht gestaunt hätte, hätte er seinen Musical-Kollegen „aufs Maul geschaut“, und mit Showeinlagen, die amerikanischen Fernsehpredigern nachempfunden den Ablasshandel als „Gutschein für den Himmel“ und „All-inclusive-Patentrezept“ präsentieren, sorgten die Sänger für gute Laune und trösteten das Publikum mit ihren Tanzeinlagen darüber hinweg, dass die vom Band gespielte Musik in ihrer Balance nicht immer stimmte und sie leider hin und wieder übertönte.

Neben dem besonders gelungenen Schluss des Stückes, der in aller Stille und Ernsthaftigkeit dem Mühen und der Bedeutung Martin Luthers gerecht wird, bekam das Musical fast schon „höheren“ Zuspruch, als nämlich nach jener Gewitter-Szene, in der Luther zu sterben glaubt und Gott mit dem Versprechen, fortan als Mönch zu leben, um Rettung anruft, die Glocken der Stadtkirche ausgerechnet mit den Worten „Gebet erhört!“ zu läuten anfingen.

Von Yaltah Worlitzsch