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Celle Stadt Hinter jeder Celler Akte steckt ein Schicksal
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hinter jeder Celler Akte steckt ein Schicksal
19:05 07.05.2015
    DRK-Suchdienst Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

NEUENHÄUSEN. Der Mann habe alles in seinem Leben erreicht, erzählt Lidia Kubasow. In einer großen Firma ist er Direktor. Nur eines lässt dem Russen keine Ruhe. „Ich möchte gerne wissen, wer mein Vater ist.“ Mit diesen Worten meldet er sich vor einigen Jahren bei Kubasow. Die 60-Jährige arbeitet beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Celle beim Suchdienst. Nach jahrelanger Erfahrung in der Fundumstraße weiß sie: „Familie ist für jeden sehr wichtig, egal wie reich man ist.“ Auch sieben Jahrzehnte nach Kriegsende finden viele Familien ohne Gewissheit keine Ruhe.

„Jeder Fall ist auf seiner Art interessant.“ Die Mutter des Russen wurde im Krieg in die Nähe von Hannover verschleppt und musste in einer Fabrik arbeiten. Irgendwann lernte sie die ganze Familie einer Freundin kennen. Einer der zwei Brüder wurde im Krieg verletzt, blieb einige Zeit zu Hause und verliebte sich in die Frau. Als der Krieg zu Ende war, ging sie schwanger zurück nach Russland. „Sie hat es nicht mehr geschafft, ihm zu sagen, dass sie ein Kind erwartet“, berichtet Kubasow. Erst an ihrem Sterbebett offenbarte sie sich dem Sohn. Seitdem setzte er alles daran, den Vater wiederzufinden.

Über die russische Fernsehsendung „Warte auf mich“ fanden die letztendlich zusammen. Kubasow füllt im Internet häufig das Suchformular aus, um Leute zu finden. Die sozialen Netzwerke machen vieles einfacher und ergänzen die zentrale Namenskartei des DRK mit rund 50 Millionen mittlerweile digitalisierten Karteikarten. Sie geben Aufschluss zum Verbleib von über 20 Millionen Menschen, die in Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen vermisst wurden. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden viele Informationen aus den Archiven der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zugänglich.

Kubasow braucht ihre Russischkenntnisse täglich. Sie berät auch Spätaussiedler dabei, nach Deutschland einzureisen. Vor 20 Jahren machte sie selbst die Reise. „Ich kenne die Geschichte von beiden Seiten und kann daher einfacher eine Lösung finden."

Wenn jemand aus anderen Staaten zu Kubasow Kontakt aufnimmt, schaut sie erst einmal auf der Weltkarte nach, woher derjenige kommt. Sie liegt direkt auf ihrem Schreibtisch. Aktuell kommen auch Flüchtlinge aus Krisenländern zu ihr ins Büro. Nach einer Odyssee ist die Syrerin in Deutschland angekommen, ihr Mann allerdings in Österreich. „Jetzt wollen sie sich in Deutschland treffen.“ Kubasow berät sie dabei. Dolmetscher helfen bei Übersetzungsschwierigkeiten.

Kubasow macht ihre Arbeit gern. „Es freut mich, wenn ich Menschen helfen kann.“ Wenn sie für eine Familie die erlösende Schicksalsmeldung hat, bringt sie diese persönlich vorbei. Auch diese Begegnungen verlaufen immer anders. Als sie mitbekam, dass eine Frau ihren 80. Geburtstag feierte, wollte sie eigentlich mit der Todesnachricht umdrehen. Doch sie wurde aufgehalten. Trotz der schlechten Nachricht war die Frau glücklich, endlich Gewissheit zu haben, was mit ihrem Mann geschehen ist.

Von Dagny Rößler