Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt "Höfischer" Charme aus Starkshorn im Celler Bomann-Museum
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Höfischer" Charme aus Starkshorn im Celler Bomann-Museum
16:52 16.06.2017
Nahezu unverändert wird das Mädchenzimmer aus Starkshorn (entstanden um 1890) im Bomann-Museum gezeigt. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Celle Stadt

Sowohl das Mobiliar als auch die Kleidung seien dem „Neo-Rokoko“ zuzuordnen, erläutert die Kunsthistorikerin Katrin Panne. Dabei handelt es sich um eine Stilrichtung und Ausdrucksform des frühen Historismus (1840 bis 1870) in Europa, welche den Rokoko-Stil des 18. Jahrhunderts wieder aufleben ließ. Eine Stil-Richtung, die auch – benannt nach dem damaligen französischen Bürgerkönig – als „Louis Philippe“ bekannt ist.

Die technischen und industriellen Neuerungen gaben dem aufstrebenden bürgerlichen Mittelstand seinerzeit die Möglichkeit, sich dank ökonomischer Herstellungsverfahren zu moderaten Preisen „höfisch“ einzurichten. Während das „Louis Philippe“ in Frankreich bereits um 1830 Einzug hielt, kam es in Deutschland erst zehn Jahre später in Mode. Auch von der Aristokratie wurde diese auffällig ausgeschmückte und verspielte Stilrichtung hoch geschätzt und galt sogar als Repräsentationsstil. Von den Preußen wurde das Neo-Rokoko sogar zum offiziellen Hofstil erklärt. Doch schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts klang diese Stilepoche bereits allmählich wieder aus.

Dem verspielt-heiteren Neo-Rokoko mit seinem dekorativen Charme, an dem seinerzeit auch der bayerische „Märchenkönig“ Ludwig II. Gefallen fand und im Schloss Linderhof umsetzte, waren weniger Architektur als vielmehr Kleidung (taillierte, hochgeschlossene Kleider) und vor allem Möbel, Kunsthandwerk und dekorative Inneneinrichtungen verpflichtet. Im veränderten Lebensstil und der neuen Wohnkultur zeigte sich der Wohlstand des Großbürgertums. Der zuvor gemeinsame Wohnraum für alle Haushaltsmitglieder wurde in einzelne Funktionsräume wie Küche, Schlafkammer, Wohnstube, Kinder- und Dienstbotenzimmer unterteilt. Dabei wurde auf das Formenrepertoire und die Ornamentik des Rokoko, darunter auch das äußerst beliebte Muschelwerk, zurückgegriffen. Die Möbelstücke waren charakterisiert durch ihre geschwungene, leichte und verspielte, durch Einlegearbeiten modifizierte Formensprache und verbanden sich zu einer Möbel-„Garnitur“. Porzellanfiguren und gerahmte Familienfotos gehörten zur üblichen Dekoration.

Diese Merkmale weist auch das ausgestellte Mädchenzimmer auf, das beispielhaft den Einzug städtischer Wohnkultur in den ländlichen Raum dokumentiert. Der Rückgriff auf feudale Wohnstile demonstrierte Wohlstand und sozialen Aufstieg und warf zugleich ein neues Licht auf das „Mädchen vom Land“, erläutert Katrin Panne. Ob es sich bei den Möbeln um seinerzeit beim Tischler bestellte Einzelanfertigungen oder ausgesuchte Serienprodukte handelt, könne nicht mehr nachvollzogen werden, da der Hersteller nicht überliefert ist, bedauert sie.

Von Rolf-Dieter Diehl