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Celle Stadt Hoffnungsträger gesucht
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hoffnungsträger gesucht
15:13 26.02.2010
Celle Stadt

Sofort belagern sie Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. „Die Bischöfin ist zurückgetreten! Musste das sein? Sie hat doch die Kirche für uns erst wieder interessant gemacht!“ Das war auch der Tenor der Äußerungen von Kolleginnen und Kollegen, auch von solchen, die sonst nichts mit Kirche am Hut haben. „Endlich mal eine Frau an der Spitze der Kirche, einfühlsam, humorvoll, intelligent, authentisch. Die hat sich was getraut. Und bewegt hat sie eine Menge. Für uns war sie eine Hoffnungsträgerin! Mit ihr hätte das Schiff ‚Kirche’ wieder richtig flott werden können. Und jetzt das!“

Die Kommentare zum Rücktritt von Margot Käßmann hören sich an und lesen sich wie Nachrufe auf eine Verstorbene. Und viele empfinden auch so. Als wäre ein Mensch verschieden, der einem nahe stand. Und sogar jene Blätter zollen ihr am Donnerstag Respekt, die sie zwei Tage zuvor mit Kübeln voll Spott und Häme übergossen haben. Sie hatte die geballte Ladung der Verdummungsjournaille – diesmal einschließlich von focus online und FAZ – abbekommen. Jetzt weinen auch diese Heuchler Krokodilstränen.

Ganz sicher hat Margot Käßmann Gegner bei konservativen Mitchristen. Die hatten prompt ihre Fahrt unter Alkoholeinfluss als „Supergau“ für die Kirche bezeichnet. Sie mögen sie einfach nicht. Dabei ist Käßmann theologisch gesehen eher wertkonservativ! Sie ist eine fromme und gläubige Protestantin, aber keine „linke“ Theologin. Es ist ihr vielmehr gelungen, die auseinander strebenden Flügel ihrer Kirche zusammenzuhalten. „Progressiv“ ist Margot Käßmann allerdings, wenn es darum geht, die Stimme für Arme und Entrechtete zu erheben, für Vernunft in Sachen Ökumene, für den Frieden, für wirtschaftliche Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung. Dann zeigt sich, wie mutig und hellsichtig sie ist, wie offen und kenntnisreich, wie geerdet und kompetent. Sie war in der Tat eine große Hoffnungsträgerin.

Nun werden neue Hoffnungsträger gesucht. In der Kirche, aber auch in der Gesellschaft. Wo sind die humorvollen, intelligenten, kompetenten, menschlichen Querdenker und Querdenkerinnen? Wo wir solche entdecken, sollten wir sie mit allen Kräften fördern und nicht deckeln, und wir sollten ihnen solidarisch aufhelfen, wenn sie straucheln. Sorgsam sollten wir mit Hoffnungsträgern umgehen. Es gibt ja fast keine.

Von Otmar Schulz