Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Hohe OP-Quote: Fluch oder Segen?
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hohe OP-Quote: Fluch oder Segen?
17:27 06.09.2013
Von Gunther Meinrenken
Der Celler Arzt und Vorsitzende der örtlichen Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Ralf Aring (von links) diskutiert mit Vertretern der Krankenversicherungen, Andreas Nestvogel (Barmer GEK) und Jochen Blaser (TK) über das Gesundheitssystem.
Celle Stadt

Ist Deutschland Operations-Weltmeister? Diese Vermutung lag nahe, als die OECD im April Zahlen veröffentlichte, wonach die Chirurgen hierzulande eher zum Messer greifen als anderswo. Auch wenn diese Daten mittlerweile relativiert wurden, liegt die Bundesrepublik immer noch im Spitzenfeld. „Wir wollen dieses Thema offen angehen“, sagte am Donnerstagabend AKH-Vorstandssprecher Stephan Judick in der Alten Exerzierhalle, in die die Celler Klinik zu einer Podiumsdiskussion zu dem Thema eingeladen hatte, die von CZ-Chefredakteur Ralf Leineweber moderiert wurde.

Gleich zu Anfang stellte Judick klar, dass im AKH kein Chefarzt eine Prämie bekomme, wenn er mehr operiert. Später am Abend wurden die Celler Zahlen noch von ganz unverdächtiger Stelle ins rechte Licht gerückt. Nach einer Bertelsmann-Studie liegt die OP-Quote gemessen am Wohnort der Patienten im Landkreis Celle nicht nur unter dem Durchschnitt in Niedersachsen, sondern auch unter dem Bundesschnitt.

Die Diskussion nahm einen überraschend harmonischen Verlauf, große Kontroversen tauchten kaum auf. Die AKH-Chefärzte Dr. Eckard Rickels und Dr. Ulf Culemann verwehrten sich gegen den Eindruck, dass man die Patienten vor den Ärzten, die nur darauf aus seien, zu operieren, schützen müsse. Dies würden zumindest die OECD-Zahlen suggerieren.

Rickels fragte dabei, was überhaupt die "richtige Zahl" wäre. Eine Antwort darauf gebe es nämlich nicht. Es sei noch nie untersucht worden. „Wir haben nicht die höchsten Operationszahlen, sondern das höchste Leistungsniveau“, meinte Chefarztkollege Culemann.

Gleichwohl ist die Zahl der Operationen in Deutschland gestiegen, wie Andreas Nestvogel von Barmer GEK darlegte. „Das OP-Volumen hat sich erhöht. Die Operationen haben sich von 2005 von 12,1 Millionen auf 15,3 Millionen erhöht.“

Eine Ursache für diese Zunahme liegt möglicherweise im System. So stellte Jochen Blaser, Referent für Vertragswesen der Techniker Krankenkasse, fest, dass früher die Bezahlung für die Krankenhäuser daran gekoppelt war, wie lange die Patienten in der Klinik lagen. Lange Verweildauern waren die Folge. Mit der Änderung des Systems auf die Fallpauschalen sei die Zeit des Aufenthalts im Krankenhaus deutlich zurückgegangen.

Das legt zumindest die Vermutung nahe, dass die Kliniken immer einen Weg finden, aus dem Finanzierungssystem das beste für sich herauszuholen. Das müssen sie auch. Denn wie Nestvogel weiter ausführte, würden die Investitionszuschüsse der Länder immer weiter zurückgefahren. Niedersachsen sei Schlusslicht in Deutschland. Das Geld für neue medizinische Geräte oder Umbauten müssen sich die Kliniken dann anderswo besorgen. Nestvogel sprach von einer Quersubventionierung aus der Betriebsführung. Die Kliniken gingen bei den Fallpauschalen in die Menge.

Selbst Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, warb um Verständnis für die Ärzte: „Die Politik wollte mehr Markt, jetzt wird behauptet, die Ärzte tun zu viel.“ Dr. Ralf Aring, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Celle, pflichtete dem bei. „Das sind die Geister, die die Politik rief“, erklärte er.