Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Holocaust-Überlebende leiden ein Leben lang
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Holocaust-Überlebende leiden ein Leben lang
18:22 29.01.2017
Celle Stadt

„Somatisch habe ich Folgen davongetragen, aber eine Identität als Opfer habe ich nie entwickelt“, berichtet der Gast der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Gedenkstätte Bergen-Belsen, der Jüdischen Gemeinde und der Stadt Celle anlässlich des Holocaust-Gedenktages. Doch genau das taten viele der während des Zweiten Weltkrieges internierten, gedemütigten Menschen. Häufig enden ihre Berichte mit der Befreiung und dem Beginn eines neuen Lebens – oft in Israel, aber auch in anderen Ländern. Es wurde ein Schlussstrich gezogen, die dem Tod Entkommenen wollten leben, nicht mehr an das Leid denken. Doch dieses ließ sich nicht verdrängen, es holte sie in Form von Traumata und psychischer Instabilität immer wieder ein.

„Sie leiden bis heute“, lautet ein Satz in Mendes Ansprache zu Beginn. „Die Folgen der Verfolgung“ – ein Thema, von dem nur selten die Rede ist, das aber keineswegs an Bedeutung verliert, wie aus dem Grußwort von Lukas Welz, des Vorsitzenden von AMCHA Deutschland, ein Verein, der sich um Überlebende des Holocaust kümmert, hervorgeht: „In Israel hat sich die Zahl der bei uns Hilfesuchenden seit 2006 verdoppelt.“

„Die ersten Therapien direkt nach dem Krieg waren gut gemeint, aber nicht immer effektiv“, berichtet der international renommierte Experte für Familientherapie Lange. „Man dachte, es reiche, wenn man die Menschen erzählen, sie ihre Erfahrungen teilen lässt.“ Heute ist unumstritten, dass Trauerarbeit unerlässlich ist und sie eine vom Verstand bestimmte Änderung im Verhalten im Einklang mit der Struktur der Umgebung beinhalten muss.

Der Therapeut, der sich so humorvoll, spontan und herzlich präsentiert, dass ihm entgegengebrachtes Vertrauen von Seiten traumatisierter Menschen gut nachvollziehbar wird, beendet seinen Vortrag über die vor mehr als sieben Jahrzehnten ausgelösten Leiden nicht, ohne am Gedenktag einen Bogen zur Gegenwart zu spannen: „Alles, was ich hier vorgestellt habe, gilt auch für die Grausamkeiten der Gegenwart, die dieser Tage leider sehr aktuell sind.“

Von Anke Schlicht