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Celle Stadt Hommage an Peter Rühmkorf: Leslie-Meier-Trio lässt Jazz und Lyrik aufeinandertreffen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hommage an Peter Rühmkorf: Leslie-Meier-Trio lässt Jazz und Lyrik aufeinandertreffen
18:20 14.11.2017
Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Die Wörter und Sätze, die beim "Lyrik trifft Jazz"-Abend am Sonntag dem Publikum in der voll besetzten Halle 19 zu Gehör gebracht werden, sind so einzigartig, wie die Musik von Ulrich Jokiel am Piano und Peter Missler an Saxophon und Flöte meisterhaft ist: Sargdeckelgeklapper, Zersingen, wo der Schnee fault, das Feuer schimmelt, zwischen Schläfe und Hosenstall gar nichts Bewegliches, im Sommer fängt der Regen an zu schneien – zitiert die Nummer drei des „Leslie-Meier-Trios“, Bernd Rauschenbach, einen der größten deutschen Lyriker seit 1945. Der Abend gebiert Klangwortbilder. Peter Rühmkorf war ein Sprachvirtuose. Jokiel und Missler erweisen ihm die Referenz, haben zur Gedichtauswahl von Rauschenbach, der als Geschäftsführer der Arno-Schmidt-Stiftung die Werkausgabe des vielfach Ausgezeichneten im Jahr 2000 editiert hat, die Melodien eigens komponiert und improvisiert. Peter Missler nimmt die Plastikblumen aus der Vase, legt sich das Gefäß auf die Knie und begleitet von der Stimme des Trios gesungene Eissorten trommelnd.

Rühmkorf war ein Mann der Extreme: In den 50er Jahren betrieb der Dichter als Autor einer Kolumne in der Zeitschrift „konkret“ einen „Lyrikschlachthof“, aber er liebte auch schlichte Volkslieder – und zersang sie. Die Melancholie und Stille von „Der Mond ist aufgegangen“ hielt der von Todesahnungen und steten Selbstzweifeln Geplagte womöglich nicht aus. „Er brach und variierte“, erläutert Rauschenbach und führt singend Rühmkorfs Version vor. Dichtend betrauerte dieser den Tod von Kollegen, dem Gefühl des alleine Zurückbleibens verleiht er Ausdruck, indem er die Namen einfach aneinanderreiht. „… Böll weg, alle weg“, klingt das Gedicht aus, und wieder dringt er ans Ohr des begeisterten, lange applaudierenden und Zugabe fordernden Publikums – der Schrei des großen Dichters.

Von Anke Schlicht