Hommage an Tucholsky in Celler Synagoge
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Celle Stadt Hommage an Tucholsky in Celler Synagoge
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Hommage an Tucholsky in Celler Synagoge
19:23 04.03.2015
Erich Mühsam, ein Reigen! Quelle: Benjamin Westhoff
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Eine Hommage an Kurt Tucholsky erwartete die Gäste am Sonntagabend in der Celler Synagoge. Zwar war sie nicht so gut besucht wie erwartet – Grund war die ausverkaufte Veranstaltung im Celler Schloss – dafür begeisterte das Programm. Im Mittelpunkt standen die Monologe des „Herrn Wendriner“, die Tucholsky von 1922 bis 1930 für die „Weltbühne“ verfasste.

Gleichsam einem roten Faden webte Rezitator Burkhard Sondermeier die humorigen Episoden des wendehalsig-kauzigen Berliner Spießbürgers der 20er Jahre in den musikalisch-literarischen Reigen, den Ulrich Raue am Klavier vorzüglich bestückte. Im Wechsel lauschten die Zuhörer humorvoller Rezitation und Musik, köstlicher Unterhaltung und Selbst-Bespiegelung. Es sind die Geschichten aus dem Alltag Wendriners, die für manch verkrampften Lacher sorgen, weil sie so aus dem Leben gegriffen sind und von erstaunlicher Aktualität. Da heißen Kapitel „Herr Wendriner telefoniert“, „Herr Wendriner nimmt ein Bad“, oder „Herr Wendriner betrügt seine Frau“, ebenso „Herr Wendriner in Paris“ oder „bei der Beerdigung“. Es ist eine Auswahl der 16 Tucholsky-Texte.

Er selbst hasste den Typus seiner Kunstfigur, die Karikatur des Besserwissers. Geschickt wechselt dieser von der Badehose zur Kriegsflotte, vom Boudoir zur Börse, vom Hundertsten zum Tausendsten und immer zurück zum Aktienkurs. Passend zur aufgesetzten Trauerfeier spielte Raue Chopins Trauermarsch in b-Moll. Stimmstark und urkomisch gab Sondermeier dazwischen Couplets wie das 1928 von Friedrich Hollaender vertonte „Hawaii“: ein Wechselbad der Gefühle.

Darin liegt die Satire Tucholskys. Er schaut der schlechten Welt aufs Maul. Wunderbar lebendig trugen die Künstler diese Doppelmoral vor, untermalt mit Melodien wie Piafs „Sous le ciel de Paris“, mit Couplets wie „Es gibt nur ein Berlin“, „Es lebt der Eisbär in Sibirien“ oder, komponiert von Rudolf Nelson, „Fang nie was mit Verwandtschaft an“. Realpolitisch mit dem Tapezierer-Tango neigte sich ein Zeitsprung dem Ende, der gar keiner war. Zeitloses zum Nachdenken. Denkenswertes zum Schmunzeln.

Von Aneka Schult