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Celle Stadt In Celle droht knapp 10.900 Menschen das Abrutschen in die "Grundsicherung"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt In Celle droht knapp 10.900 Menschen das Abrutschen in die "Grundsicherung"
16:16 25.09.2017
Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

Altersarmut – ein heikles Thema. Das weiß auch Sabine Kellner, Geschäftsstellenleiterin im SoVD-Beratungszentrum Celle. „Die meisten Menschen, die zu mir in die Sprechstunde kommen, schämen sich“, berichtet sie. „Dabei sucht sich doch fast keiner die Situation selber aus.“ Mit großer Sorge beobachtet der SoVD die Tatsache, dass immer mehr Menschen trotz Rente soziale Grundsicherungsleistungen im Alter in Anspruch nehmen müssen. „Wenn zu wenig Geld da ist für soziale Unternehmungen“, betont Kellner, „wird es mit der Teilhabe an der Gesellschaft schwierig.“ Einen Freundeskreis aufzubauen, wenn man nichts darstelle, sei mühsam, meint auch Jürgens. Der 57-Jährige ist nach seiner Scheidung nach Celle gezogen, um in der Nähe seiner Familie zu sein. „Wenn es mal allzu knapp ist, bekomme ich bei meiner Schwester immer ein warmes Essen.“

Allein in Celle seien künftig knapp 10.900 Menschen von Altersarmut bedroht, warnt der DGB Region Nord-Ost-Niedersachsen. Er beruft sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, aus denen hervorgehe, dass Ende vergangenen Jahres fast 10.900 Beschäftigte in der Herzogstadt weniger als 2500 Euro brutto im Monat verdient hätten. Ein Bruttoeinkommen oberhalb dieser Grenze sei jedoch notwendig, um nach 40 Beitragsjahren nicht in die Grundsicherung zu fallen, erklärt der DGB. Ursache für dieses Problem sei das niedrige Rentenniveau, das im Jahr 2030 auf bis zu 43 Prozent absinken werde.

Neben den Frauen, die aufgrund der Kindererziehung oder der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen oft lückenhafte Erwerbsbiografien aufweisen, zählen vor allen Erwerbsgeminderte wie Gustav Jürgens zu den Risikogruppen, die in besonderem Maße von Altersarmut betroffen sind. Zu seinem Schlaganfall gesellten sich in den vergangenen Jahren zu allem Überfluss auch noch ein Herzinfarkt sowie ein Bandscheibenvorfall, erzählt der 57-Jährige. Aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen kann Jürgens seine Erwerbsminderungsrente nun noch nicht einmal mehr mit einem 450-Euro-Job aufbessern, wie es eigentlich gesetzlich erlaubt wäre. „Das machen nämlich viele Erwerbsgeminderte“, erklärt Kellner. „Und zwar nicht unbedingt des Geldes wegen, sondern wegen der sozialen Kontakte, weil sie dazu gehören möchten.“

Jürgens betont allerdings, dass er sein Leben an der Armutsgrenze inzwischen sehr gut meistere. „Man muss halt das Beste daraus machen“, sagt er achselzuckend. „Ich gebe zwei Euro am Tag für Essen aus, rauche nicht, trinke nicht, fahre nicht in den Urlaub und kaufe keine neuen Sachen.“

Von Christina Matthies