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Celle Stadt Integration durch Entchristlichung von Weihnachtsliedern
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Integration durch Entchristlichung von Weihnachtsliedern
20:10 15.03.2015
Von Gunther Meinrenken
TCOM: Diskussion: Chorsingen in der Migrationsgesellschaft Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Ist die Entchristlichung von Weihnachtsliedern der richtige Weg, um Migrationskinder für das Chorsingen zu begeistern? Diesen Aspekt hatte Niklas Büdenbender bei der Podiumsdiskussion „Chorsingen in der Migrationsgesellschaft“ am Samstag in der Evangelisch-reformierten Gemeinde an der Hannoverschen Straße bei seinem Eingangsreferat angesprochen. Büdenbender hatte als Projektreferent „Chormusikkultur und Migrationsgesellschaft“ eine laufende Erhebung vorgestellt und erwähnt, dass an bestimmten Orten „zu starke christliche Passagen“ aus Weihnachtsliedern herausgenommen werden, um die Identifikation für Migrantenkinder zu erleichtern. Leider kam es darüber am Ende zu keiner Diskussion mehr, die Zeit war zu knapp geworden.

Moderator Dr. Karl Ermert, Bundesvorsitzender des Arbeitskreises Musik in der Jugend, hatte vor etwa 60 Besuchern eingangs dargelegt, dass der demografische Wandel auch die Chöre vor Herausforderungen stellt. „Deutschland wird älter, aber auch bunter“, so Ermert. Die Chöre müssten sich für die Migranten öffnen.

Doch das wird nicht einfach. So würde das „kulturelle Kapital“ von Migranten von den Deutschen kaum wahrgenommen, auf der anderen Seite erreiche das deutsche Kulturangebot die meisten Migranten nicht, wie Büdenbender aus einer anderen Studie zitierte. Außerdem gäbe es fast nur christliche Chöre für Kinder und Jugendliche. Ein Grund wohl, warum es mancherorts zu einer Entchristlichung der Liedinhalte kommt. Büdenbender sprach in diesem Zusammenhang von „kulturfair“. Allerdings ohne zu thematisieren, wie man Migranten in die eigene Kultur integrieren soll, wenn man diese von kulturellen Werten entkleidet.

Professor Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates, machte zu viele „systemische Schwierigkeiten“ aus wie einen 80-prozentigen Unterrichtsausfall im Fach Musik. „Viele gute Ideen werden in Projekte ausgegliedert, statt sie ins reguläre Bildungssystem zu integrieren“, beklagte er. Dr. Astrid Bernicke vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Landesregierung ein Musikalisierungsprogramm für Kitas und Grundschulen gestartet habe. Auf Nachfrage von Höppner musste sie allerdings einräumen, dass es nicht genug Musiklehrer an den Grundschulen gebe. Das sei Sache des Kultusministeriums.

Birgit Wendt-Thorne, Dozentin für Vokale Ausbildung an der Universität Oldenburg, forderte eine bessere Ausbildung der Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen. Dr. Verena Grüter, Professorin für interkulturelle Theologie an der Augustana-Hochschule Neudettelsau, hatte ausgemacht, dass in den deutschen Kirchen der Chorgesang die Gemeinde, afrikanischer Chorgesang hingegen die Herkunftsidentität stärke.

In eine ähnliche Richtung ging der Hannoveraner Musikethnologe Dr. Raimund Vogels. „Unser Chorgesang ist werkorientiert, anderswo ist er gemeinschaftsstiftend.“ Das bedeutet: Viele Migranten spricht die deutsche Chormusik nicht an. Die Konsequenz: Wenn die Chöre einen Beitrag zur Integration leisten wollten, dann müssten sie sich wandeln. Das bedeute, so Vogels sinngemäß: Möglichst viele Migranten in die Chöre zu bekommen und das dann Integration zu nennen, werde nicht funktionieren.