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Celle Stadt Intendanten-Interview zur neuen Spielzeit im Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Intendanten-Interview zur neuen Spielzeit im Schlosstheater
09:20 12.09.2013
Quelle: Jochen Quast
Celle

Die letzte Spielzeit der Ägide Wilts: Inwieweit steht denn schon fest, wer aus der jetzigen Truppe auch unter Ihrem Nachfolger Andreas Döring am Schlosstheater wirken wird?

Es sind noch nicht überall endgültige Entscheidungen gefallen. Die gesamte Dramaturgie geht, auch einige Mitglieder der technischen Abteilungen. Aus dem Schauspiel-Ensemble bleiben auf jeden Fall Jürgen Kaczmarek und Thomas Wenzel, bei einigen anderen laufen noch die Gespräche.

Unter das Motto „Abschied“ haben Sie das Programm gleichwohl offensichtlich nicht gestellt.

Mottos sind ja ohnehin nicht so mein Ding. Dass es in der vorigen Spielzeit eine ganze Reihe Produktionen zum Thema „Heimat“ gegeben hat, war die Ausnahme. Diesmal habe ich einfach Stücke genommen, die schon länger auf meiner persönlichen Favoritenliste gestanden haben.

Es fällt auf, dass Sie und Ihre Mitarbeiter nunmehr geballt gleichsam fremdgehen: Sie selbst inszenieren ebenso wie die Dramaturgen Tobias Sosinka und Evangelos Tzavaras, Diana Chwalczyk, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, übernimmt bei einem Stück die Ausstattung. Gibt es dafür einen besonderen Grund?

Sosinka und Tzavaras kommen ja ursprünglich von der Regie, haben schon in der vergangenen Spielzeit jeweils eine Inszenierung übernommen. Diana Chwalczyk kommt aus dem Kunstbereich, da ist dies ebenfalls nicht verwunderlich. Natürlich spielen auch Kostenfaktoren eine Rolle.

Und haben Sie keine Angst, dass die üblichen Arbeitsabläufe durcheinandergeraten, wenn die Büros immer wieder verwaist sind, weil sich die Mitarbeiter zunehmend bei den Proben tummeln?

So schlimm wird es wohl nicht werden. Die Kollegen opfern eh viel von ihrer Freizeit. Außerdem fallen in dieser Saison auch eine ganze Menge Aufgaben weg – es gibt ja keine nächste Spielzeit zu planen.

Sie sprachen den Kostenfaktor an. Liegt dort auch der Grund dafür, dass weniger und kleinere Produktionen auf dem Spielplan stehen als bislang?

Große Projekte wie „Der gute Mensch von Sezuan“ oder „Antonius und Cleopatra“ können wir in der Tat nicht mehr machen. Es gibt Tarifsteigerungen, höhere Energiekosten, die Wartung der bühnentechnischen Anlagen hat unerwartet ein Vermögen gekostet. Auch einen Intendantenwechsel bekommt man nicht umsonst. So haben wir das Programm im Malersaal und auf der Turmbühne einkürzen müssen – diesmal gibt es nur neun Studioproduktionen, darunter zwei Wiederaufnahmen. Dafür haben wir unser unaufwändigeres Format „20.15“ ausgeweitet, dort wird es jetzt zusätzlich die „20.15-Werkstatt“ geben.

Bei deren erster Ausgabe am 20./21. September ein Text zum Vortrag kommen wird, den Sie persönlich geschrieben haben. Es geht um Helene Weigel.

Ja, als eine Art Vorbereitung zu Brechts „Leben des Galilei“. Da habe ich mich selbst rangesetzt und eine fiktive Geschichte geschrieben: Helene Weigel befindet sich 1947 auf der Reise von Amerika zurück nach Europa, lässt auf dem Schiff ihr Leben Revue passieren. Die Produktion ist auch eine Art Abschiedsgeschenk an die Schauspielerin Petra Friedrich, die zum Ende der letzten Spielzeit aus dem Celler Ensemble ausgeschieden ist und jetzt meinen Weigel-Text in einer szenischen Lesung vorstellen wird. Mit ihr habe ich schon an der Landesbühne Hannover zusammengearbeitet.

Als Regiearbeit haben Sie sich diesmal mit „Halpern und Johnson“ von Lionel Goldstein einen eher unbekannten Stoff ausgesucht. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr – da gaben Sie mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ Ihr Regiedebüt. Was haben Sie dabei gelernt?

Dass ich es kann, und dass es mir Spaß macht. Ich habe viel positive Resonanz darauf bekommen, auch von Jugendlichen. Jetzt freue ich mich über das Goldstein-Stück, das meiner Meinung nach bislang unterschätzt wurde.

Weshalb haben Sie „Harold und Maude“ von Colin Higgins ins Programm genommen, die Geschichte einer Beziehung zwischen einer alten Dame und einem Jungen mit Hang zu bizarren Selbstmordinszenierungen?

Es ist einfach eine schöne romantische Geschichte über eine unkonventionelle Liebe. Die Vorliebe für die Musik von Cat Stevens stammt noch aus meiner Hippie-Zeit. Die Theaterfassung schätze ich, seitdem wir das Stück an der Landesbühne gemacht haben. Wenn ich auch nicht mehr in einer WG wohne … Für die Rolle der Maude ist es übrigens angedacht, Cordula Trantow zu verpflichten.

Es gibt auch zwei Uraufführungen. Zum einen „Seelandschaft mit Pocahontas“, die Umsetzung einer Erzählung von Arno Schmidt …

Die Idee stammte von Bernd Rauschenbach. Durch ihn bin ich Arno Schmidt überhaupt näher gekommen. Bis vor drei, vier Jahren hatte ich gar keine rechte Beziehung zu diesem Autor.

… und die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Peter Schanz. Nach der „Prinzessin von Zelle“ und „Altensalzkoth“ heißt es diesmal „Und Juchheirassa! Noch ein Denkmal für Hermann Löns“. Was hat man da in etwa zu erwarten?

Einen satirischen Einschlag wird es wohl auf jeden Fall geben.

Finden Sie es nicht etwas gewagt, „Charleys Tante“ von Thomas Brandon ins Programm zu nehmen?

Nicht, wenn man das Stück in seiner Zeit lässt. Krampfhafte Modernisierungsversuche gehen dabei immer schief.

Steht denn inzwischen fest, wohin es Sie selbst künftig ziehen wird?

Nein. Ich habe eine Reihe Bewerbungen laufen. In Wuppertal war ich in der Runde der letzten drei, letztlich fiel dann aber doch eine andere Entscheidung.

Muss es denn auf jeden Fall ein Intendantenposten sein?

Es wäre schön. Ich kann mir aber auch vorstellen zu unterrichten oder in den journalistischen Bereich zu gehen. Auf jeden Fall werde ich wohl nicht in Celle bleiben – ich fände das schon gegenüber meinem Nachfolger unfair, wenn der das Gefühl haben müsste, da sitzt noch jemand wie die Spinne im Netz.

Von Jörg Worat