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Celle Stadt Interview zum Weltfrauentag: "Frauen leiden im Krieg am meisten"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Interview zum Weltfrauentag: "Frauen leiden im Krieg am meisten"
21:05 06.03.2015
Heidrun Merk Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

Der Internationale Frauentag in Celle steht unter dem Motto "Frauen – Macht für Frieden". Warum sind gerade Frauen Garant für Frieden?

Bisher haben Frauen besser auf den Umgang mit Konflikten reagiert. Das zeigt sich in allen Lebensbereichen und in allen Gesellschaften. Sie lösen Konflikte seltener mit Gewalt als Männer. Entscheidungen für Kriege haben erwiesenermaßen Männer aller politischen Couleur in allen Teilen der Welt über die Jahrhunderte hinweg getroffen. Frauen haben am meisten darunter gelitten.

Warum trifft Krieg Frauen besonders hart?

Frauen stehen in Kriegszeiten zumeist allein mit ihren Kindern da. Sie sind oft genug Kriegsbeute, man missbraucht sie – und dies ist oft genug die Waffe, um den Kriegsgegner zu treffen. Als Flüchtlinge erleben sie Vertreibung, Hunger und Elend.

Kann man aktuell überhaupt von Frieden auf der Welt sprechen?

Kaum jemand hatte erwartet, dass das 21. Jahrhundert so unfriedlich sein würde. Es ist dramatisch, in wie vielen Ländern bewaffnete Konflikte stattfinden und die größte Flüchtlingswelle seit Jahrhunderten auslösten. Wir sind leider weit vom Frieden und Konfliktlösungen entfernt.

Wo sind die größten Rückschritte bei den Frauenrechten zu verzeichnen?

Die Liste der Länder, die Frauen ihre Rechte versagen, ist so groß, dass damit eine Seite gefüllt werden könnte. Manche haben nicht einmal einen Rückschritt gemacht, weil sie auch nie den Frauen auch nur kleinste Schritte nach vorne gewährt haben. Das geht in die Millionen.

Sie sprechen am Samstag vor allem über die Situation in der "autonomen Region Kurdistan im Irak". Trifft das Bild der "armen, rückständigen unterdrückten Frauen des Nahen Ostens" zu?

Die autonome Region Kurdistan ist laut der neuen irakischen Verfassung von 2005 ein föderaler Bestandteil des Iraks. In ihr sind Zwangsehe, Prostitution, Kinderehe und Ehrenmord verboten und werden auch strafrechtlich verfolgt. Dennoch finden derartige Fälle auf dem Lande in unzugänglichen Regionen vereinzelt statt. Als Folge davon wählen Frauen oft den Freitod. Es ist auf dem Lande für eine Frau nicht einfach, bei der Polizei Anzeige zu erstatten und sie zur Verfolgung zu bringen. Tradition, Scham und Ehre behindern immer noch das Anzeigeverhalten. Allerdings gibt es bereits Frauenhäuser, die diese Dramatik versuchen aufzufangen. Die Themenstellung wird in Fortbildungsveranstaltungen und vereinzelten Kongressen aufgegriffen.

Aktuell kommt der Krieg gegen den "Islamischen Staat" dazu ...

Seit Juni 2014, also seit den schweren Angriffen des IS auf die kurdische und arabische Bevölkerung im Irak, sind Hunderttausende von Menschen im eigenen Land zu Flüchtlingen geworden. Hinzu kommen viele kurdische Flüchtlinge aus Syrien. Kurdistan hat mehr als über 2,1 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge bei sich aufgenommen, obwohl es selbst nur 5,2 Millionen Einwohner hat. Darunter sind wieder am meisten die Frauen und Kinder betroffen. Viele sind Opfer schwerster Menschenrechtsverletzungen geworden und leiden unter tiefgehenden Traumata, haben die Sprache verloren und sind in desolatem Zustand. Sie leben unter schwierigsten Verhältnissen nun in Flüchtlingslagern.

Im Kampf gegen den IS sind auch viele Frauen im Einsatz …

Diese Situation finden Sie derzeit nur in Syrien, wo Frauen im kurdischen Gebiet auch als Soldatinnen kämpfen.

Wofür setzen sich die Frauen in Kurdistan noch ein?

Ihr Einsatz in den Flüchtlingsgebieten gilt dem Überleben der Familie, auch im weiteren Sinne – also Großeltern, Eltern und weiteren Verwandten. Ihr Streben in den Gebieten, in denen Frieden herrscht, ist es, den Lebensunterhalt zu verdienen, selbstständig zu werden und eine Ausbildung zu genießen.

Von Dagny Rößler