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Celle Stadt Islam auf dem Weg in die Moderne
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Islam auf dem Weg in die Moderne
17:24 17.11.2010
Prof. Peter Antes trug seine Ansichten lebendig vor Quelle: Udo Genth
Celle Stadt

Die Celler Sektion der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik hatte Professor Peter Antes zu einem Vortrag geladen. Er referierte unter dem recht sperrigen Titel „Islam versus Islamismus – das Gefährdungspotential des Islamismus für den Bestand unseres demokratischen Rechtsstaat aus religionswissenschaftlicher Sicht“ am Dienstagabend vor rund 200 Zuhörern im Beckmann-Saal.

Derzeit herrschen unterschwellige Sorgen vor einem Erstarken des Islam in unserem Lande. Aktuelle Publikationen sind kaum geeignet, die Frage nach dem Stellenwert der Muslime in unserer Gesellschaft sachlich zu beantworten. Deshalb stellte Antes zunächst einige Fakten vor. In Deutschland leben augenblicklich etwa 3,7 bis 4,2 Muslime. Diese Zahl wurde zwar auf der kürzlichen Islamkonferenz genannt, ist jedoch umstritten. Immerhin beträgt der Anteil der Muslime bei uns gut vier Prozent der Bevölkerung, aber auch diese Zahl ist unsicher. Das rührt zum Teil daher, dass sich lediglich ein knappes Fünftel der hiesigen Muslime in Vereinen organisieren. Demzufolge ist es schwierig, die richtigen Ansprechpartner für einen Dialog auf höchster Ebene zu finden. Die Mehrzahl der Muslime Deutschlands ist mit ihrer Situation zufrieden, lebt ihre Religion privat aus und „will in Ruhe gelassen werden“, meinte Professor Antes. Dem stehen die Randgruppen der Islamiten gegenüber, die in allen Medien Gehör finden und die Ängste der deutschen Bevölkerung – gewollt oder ungewollt – schüren.

Antes, der als Religionswissenschaftler an der Leibniz-Universität Hannover wirkt, verglich die Lage der Muslime mit einer ähnlichen der Katholiken in protestantischen Ländern vor rund 100 Jahren. Seinerzeit wurden die Anhänger des Papstes für viel Ungemach verantwortlich gemacht, mit Schriften und Karikaturen wurden sie verunglimpft. Der einst konservative Katholizismus hat sich zu seiner heutigen, fast liberalen Glaubensrichtung gewandelt. Die Muslime hier in Deutschland stehen vor drei grundsätzlichen Fragen: Was ist „typisch islamisch?“ – eine Frage, die bei der Variationsbreite dieser Religion nicht leicht zu beantworten sein dürfte. Zum zweiten spielt die Frage, was denn zum Glauben gehöre oder nur Tradition sei, eine zentrale Rolle. Letztlich ist die soziale Haltung des Islam zu definieren. Konflikte mit dem Islam und der Muslime untereinander werden meist durch das soziale Umfeld ausgelöst.

Die Auseinandersetzung der Religionen wird in Deutschland seit 300 Jahren geführt. Zuerst mussten sich die hier lebenden Juden wandeln und der Gesellschaft anpassen, dann waren die Katholiken in den protestantischen Ländern dazu gezwungen. Nunmehr ist der Islam aufgerufen, sich der Moderne zu stellen. Er wird sich zu einem liberalen Glaubensbekenntnis wandeln, stellte Professor Antes in Aussicht. Dabei werden Randgruppen – wie sie ebenso bei Juden und Christen vorhanden sind – absplittern. Bereits jetzt gibt es deutliche Anzeichen für eine Anpassung des Islam an die Rechtsstaatlichkeit in Deutschland. Ein Religionskrieg werde nicht stattfinden, schloss Professor Peter Antes seinen Vortrag. Starker Beifall belohnte seine wissenschaftlich-nüchterne, jedoch sehr lebendig vorgetragene Darstellung.

Von Udo Genth