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Celle Stadt Israel und Palästina: Nur gemeinsam geht‘s voran
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Israel und Palästina: Nur gemeinsam geht‘s voran
20:41 01.06.2012
Von Klaus Frieling
Igal Avidan mit Michael Stier Quelle: Klaus Frieling
Celle Stadt

„Israel hat viele Ängste“, sagt der israelische Journalist Igal Avidan. „Aber wir müssen verstehen, dass auch die Palästinenser Sicherheit haben wollen – und die leben unsicherer als die Israelis.“ Auf Einladung des Stadtarchivs und in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Jüdischen Gemeinde war Avidan nach Celle gekommen, um über die aktuelle Lage in seinem Heimatland zu reden. Der Politikwissenschaftler ist gefragter Referent zu den israelisch-palästinensischen Beziehungen und Buchautor.

„Es ist ein Elend“, kritisierte Michael Stier, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle, in seinen einleitenden Worten die Lage im Nahen Osten nach dem Bau von Grenzzaun und -mauer, mit dem sich die Israelis vor palästinensischen Anschlägen schützen wollen. Alte Ortschaften wurden durchtrennt, palästinensische Bauern teilweise von ihren Feldern und Olivenhainen abgeschnitten. In seiner Begrüßung der rund 80 in der Celler Synagoge versammelten Besucher sprach Stier vom „Einbetonieren der Beziehungen der Menschen“.

Diese Mauer gilt Buchautor Avidan („Israel: Ein Staat sucht sich selbst“) als Beleg dafür, dass seine Heimat „ein Staat ist, der nach 64 Jahren noch immer nicht entschieden hat, wo seine Grenzen sind“. Nach offizieller israelischer Auffassung gebe es keine „besetzten“, sondern nur „umstrittene“ Gebiete, verwies Avidan auf staatliche Stellen: „Als die Gebiete besetzt wurden, gab es keinen Staat Palästina.“ Die meisten jüdischen Siedlungen seien aber auf Privatgrund von palästinensischen Eigentümern gebaut worden – und das ist auch nach israelischem Recht illegal.

Die letzten großen Anschläge habe es in Israel vor acht Jahren gegeben, betonte der in Berlin lebende Avidan. Doch die israelische Bevölkerung lebe nach wie vor in Angst vor ihren palästinensischen Nachbarn. „Solange diese Ängste größer sind als die Hoffnung, solange sind die rechten Parteien stark.“

Vor Ort, an der Grenze, gebe es indes Zeichen von gegenseitigem Vertrauen, schlussfolgert Avidan aus eigenen Beobachtungen vor Ort. So würden 30.000 Palästinenser in den politisch umstrittenen jüdischen Siedlungen arbeiten. „Als Palästinenser unter 30 Jahren und ohne eigene Kinder erhalten sie keine Arbeitsgenehmigung in Israel selbst, deswegen sind sie auf die Beschäftigung im Westjordanland angewiesen.“ Und weil sie als Arbeitskräfte benötigt werden, drücke die israelische Armee regelmäßig ein Auge zu, wenn Palästinenser die Grenzsperren illegal überwinden.

„Regierungen können Friedensverträge unterschreiben“, sagt Avidan; unabhängig von der großen Politik basiere der wirkliche Frieden aber auf den Handlungen der einfachen Menschen.

Und die sind beiderseits der Grenzsperren schon viel weiter als die israelische Regierung und die palästinensische Autonomiebehörde, schilderte der Referent in der Celler Synagoge (wo auch Besucher aus der israelischen Partnerstadt Mazkeret Batya vorbeischauten): „Die palästinensische Bevölkerung kauft bei den jüdischen Siedlungen Produkte für jährlich 500 Millionen Dollar ein, und auch palästinensische Unternehmen investieren kräftig in Israel.“

Zur Frage des Abends, ob die international angestrebte Zwei-Staaten-Lösung (hier Israel, da Palästina) noch eine Chance habe, bilanzierte Avidan in seinem interessanten, durchaus kontrovers aufgenommenen Vortrag: „Die Realität vor Ort ist die Realität eines Landes!“