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Celle Stadt KZ-Häftlinge entkamen Celler "Hasenjagd" vor 71 Jahren
Celle Aus der Stadt Celle Stadt KZ-Häftlinge entkamen Celler "Hasenjagd" vor 71 Jahren
20:25 07.04.2016
Nach dem Bombenangriff auf Celle Neuenh Quelle: Carl Brenner
Celle Stadt

Heute vor 71 Jahren erlebte Celle den schwärzesten Tag der Stadtgeschichte. Am 8. April 1945 griffen drei Bombengeschwader gegen 18 Uhr die Gleisanlagen am Celler Bahnhof an und warfen mehr als 200 Tonnen Sprengbomben ab. Die tödliche Fracht traf nicht nur das Gebiet um die Kirchstraße in Neuenhäusen, die alliierten Bomberstaffeln trafen dabei auch einen KZ-Transport, der per Bahn auf dem Weg ins Konzentrationslager Bergen-Belsen war. Er stammte aus einem Außenlager des KZ Neuengamme – dem Lager „Drütte“ bei Salzgitter.

Viele Häftlinge starben bereits durch den Bombenangriff. Einige Überlebende versuchten zu entkommen. Die Wachmannschaft, die den Zug begleitete, eröffnete das Feuer auf die fliehenden Menschen. Am nächsten Morgen durchkämmten die SS, Soldaten, die Polizei und Zivilisten die Umgebung nach Geflüchteten und verübten mehrere Massaker, denen mindestens 170 Menschen zum Opfer fielen. Die Aktion wurde verächtlich als „Hasenjagd“ bezeichnet.

Einige Flüchtigen konnten diesem Schicksal entkommen. In seinem Werk „Celle April 1945 revisited“ erwähnt Bernhard Strebel, dass wahrscheinlich 42 Häftlinge „sich einer Wiederergreifung entziehen und die wenigen Tage bis zum Einmarsch der britischen Truppen überbrücken konnten“.

Einer davon war der Franzose André Rougeyron. Er war Ingenieur, Autofan und beteiligte sich mutig an der „Resistance“, in dem er half, über der Normandie abgeschossene britische oder US-amerikanische Flugzeugbesatzungen zu retten, zu verstecken und ihnen die Heimkehr über die Schweiz oder Spanien zu ermöglichen.

Am 3. August 1944 wurde Rougeyron denunziert, verhaftet, schwer gefoltert und der „Feindbegünstigung“ angeklagt. Der Franzose verrichtete Zwangsarbeit im KZ Buchenwald und im Außenkommando Holzen bei Eschershausen. Dort wurden die Häftlinge am 5. April 1945 in offene Kohlen-Waggons verladen und erreichten nach einer Zwischenstation in Drütte am 8. April kurz vor 14 Uhr den Güterbahnhof Celle.

Bald darauf durchlebte Rougeyron den massiven Bombenangriff auf die abgestellten Züge. Nach einem Sprung über die Waggonwand flüchtete er in Richtung Westen und traf dabei seinen Freund Delphin Debenest, den er aus dem Lager Holzen kannte. Debenest war nur leicht am Kopf verwundet.

Die nächste Sorge war, sich als KZ-Häftling unkenntlich zu machen, denn beide trugen die gestreifte KZ-Kleidung und ihre Köpfe waren kahl geschoren. Aus gefundenen Kleidungsstücken und Zementsäcken fertigten sie unverdächtige Jacken und Hosen an.

Angst davor,entdeckt zu werden

Tagsüber versteckten sich die Franzosen und versuchten, so weit wie möglich nach Westen zu gelangen, wo bereits der Donner der nahenden britischen Front zu hören war.

Getrieben vom Hunger und der Angst vor Entdeckung suchten Rougeyron und Debenest verzweifelt nach Nahrung. Sie besaßen zwar 6,50 Mark, trauten sich aber nicht, jemanden anzusprechen. Die Flüchtigen bekamen aber trotzdem Hilfe: Kinder schenkten ihnen eine Rübe, ein Bauer alte Kartoffeln und eine blonde Frau Streichhölzer. Aus einem Schrotthaufen besorgten sie sich zwei alte rostige Eimer und mitten im Wald entdeckten sie einen verlassenen Bienenzaun, wo sie sich eine Mahlzeit kochen konnten. Hier trafen sie auch einen geflohenen Russen, der ein Kaninchen gefangen hatte und dieses kochte.

Am 11. April 1945 erlebten die beiden Franzosen ihre Befreiung durch britische Fallschirmjäger. Mit Hilfe britischer Offiziere wurden sie aufgepäppelt: Deutsche aus Wietze, Oldau und Ovelgönne wurden gezwungen, Vorräte zur Verfügung zu stellen, zudem musste an jedem Tag eine Kuh abgeliefert werden. Rougeyron kehrte am 26. April wieder in seine Heimat zurück: Mit einer Douglas flog er von Celle nach Brüssel und dann weiter nach Paris. Dort erfuhr er, dass seine Familie überlebt hatte. Per Bahn kehrte er nach Domfront zurück.

Rougeyron wurde sofort nach der Rückkehr Bürgermeister seiner Heimatstadt. Er starb 1967 bei einem Autounfall. Ein Zufall der Geschichte will, dass Domfront eine Städtepartnerschaft mit Burgwedel – nicht weit von Celle – eingegangen ist.

Auch dem Juden Walter Altmann gelang die Flucht während des Luftangriffes in Celle. Aufgewachsen mit vier Geschwistern bei der alleinerziehenden Mutter lernte Altmann das Schneidern. Als selbstständiger Maßschneider mit großem Geschäft kleidete er die Reichen Berlins ein. Nebenbei betätigte er sich als Erfinder: Die leuchtende Briefkastenhaube mit Reklameflächen und den wichtigsten Telefonnummern sowie der Globumat-Reklameapparat brachten ihm großen Erfolg, führten aber auch zur Aufgabe der Maßschneiderei.

1938 als Jude verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, gelang es ihm dank seiner Erfindung, die von den Nazis ausgebeutet wurde, nach Paris zu flüchten. Es folgte eine atemberaubende Odyssee: 1939 Fremdenlegion in Nordfrankreich, 1941 in Toulouse im Widerstand gegen die deutsche Besatzung, 1944 von französischer Miliz und deutscher Gestapo verhaftet, in das KZ Buchenwald eingeliefert und weiter in das Lager Holzen deportiert.

Mit Bauernschläuein die Freiheit

Wie Rougeyron und Debenest wurde er in einen Zug nach Salzgitter-Drütte und weiter nach Celle gesteckt: „Unser Zug hielt endlich in der Stadt Celle. Im Bahnhofsgelände war ein langer Munitionszug mit Kanonen abgestellt.“ Im Chaos des Bombenangriffs flüchtet auch Altmann: „Ich rannte um mein Leben, um meine Freiheit. Tief im Wald versteckt zog ich meinen Sträflingsanzug aus. Von Frau Kiel (der Förstersfrau, Anmerkung der Redaktion) hatte ich damals eine Zivilhose und ein Försterhemd erhalten, die ich unter dem Sträflingsanzug trug. Ich vergrub im Walde, was mir auf meinem Weg hinderlich schien: Dokumente, auch Bilder von meiner Frau. Ich wollte mir diese Sachen später wiederholen, habe die Stelle aber nicht mehr gefunden.“

Bei seiner Flucht kommt Walter Altmann auch nach Oldau: „So gestärkt, wanderte ich zum Bürgermeister nach Oldau, eine Empfehlung meines Gastgebers in der Tasche. Ich betrat die Amtsstube mit einem schneidigen ‚Heil Hitler‘. Es war jedoch nur die Sekretärin da. Der Bürgermeister sei noch nicht erschienen, ich solle später wiederkommen, fertigte sie mich ab. Und ich kam wieder. Mit einem zackigen Hitler-Gruß eröffnete ich dem Bürgermeister mein Anliegen. Ich bat ihn um Lebensmittelmarken und spulte wieder meine Legende als Mitarbeiter der Organisation Todt ab.“

Vom Bürgermeister bekommt er eine offizielle Bestätigung mit Stempel und Unterschrift und ihm wird eine Übernachtungsmöglichkeit zugewiesen. „Ich war wieder allein, ein freier Mann mit einem gültigen Ausweis. Es schien mir, als leuchtete die Sonne heller, als sängen die Vögel lieblicher als je zuvor. Das erste Mal nach meiner Flucht aus dem Güterzug war ich frei, mit einem amtlichen Schein in der Tasche.“

Nach dem Einmarsch kehrt Altmann zu den Helfern nach Holzen zurück und macht sich dann auf den Weg in seine Heimat Berlin. Dort stirbt Walter Altmann im Alter von 86 Jahren, nachdem er seine Erinnerungen aufgeschrieben hat.

Von Julius Krizsan