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Celle Stadt Kalte Nächte im Wald
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kalte Nächte im Wald
17:45 07.02.2012
Jan L. schaut aus seiner Schlafst‰tte heraus. Drauflen liegen seine Habseligkeiten. F¸r sie ist in der Bleibe kein Platz. Quelle: Peter M¸ller
Celle Stadt

Nach einem langen Arbeitstag ins warme Bett zu kriechen, die Kälte hinter sich zu lassen und eingekuschelt einzuschlafen ist ein schönes Gefühl. Selbstverständlich ist es nicht.

Jan L. (45) aus Celle hat dieses Gefühl schon lange nicht mehr erlebt. Seit fünf Jahren ist er obdachlos. Wenn andere ins Bett steigen, steigt er in einen alten Ein-Mann-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, irgendwo in einem Wald in Celle. Den genauen Ort möchte er nicht verraten.

In seinen Schlafsack gehüllt versucht er der Kälte zu trotzen und irgendwie Schlaf zu finden, in seinem von Laub umrankten Unterschlupf aus Stein.

„Die Nächte sind in diesem Winter wirklich sehr kalt, aber im Wald habe ich wenigstens meine Ruhe“, erzählt Jan. Diese Ruhe hatte er früher nicht, war getrieben und rastlos. Dann spielte seine Psyche verrückt und warf ihn aus der Bahn.

Vier Jahre war er bei der Bundeswehr, schaffte es bis zum Stabsgefreiten und arbeitete danach viele Jahre als Elektroinstallateur. Heute bezieht er eine kleine Arbeitsunfähigkeitsrente. „Ich lebe nicht auf Kosten des Staates. Das will ich betonen“, sagt er mit Stolz und ist für einen Augenblick ganz wach. Dann blickt er einen wieder aus müden Augen an, wirkt ängstlich. Das Leben auf der Straße hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.

Früher hat er versucht die Übernachtungsangebote für Obdachlose wahrzunehmen, ist dort aber nicht zurechtgekommen. „Ich hatte Angst und konnte nicht einschlafen. Im Wald habe ich diese Angst nicht.“

Heute schaut er in unregelmäßigen Abständen bei der Ambulanten Hilfe vom Diakonischen Werk oder in der Bahnhofsmission vorbei, trinkt einen Kaffee, isst eine Kleinigkeit und geht dann in die Stadt zu seinen Freunden: Fünf Menschen, denen es ähnlich geht wie ihm, auch wenn einige von ihnen eine Wohnung haben. Gemeinsam verbringen sie den Tag, unterhalten sich und geben sich gegenseitig Kraft. „Wir sind eine feste Clique und helfen uns“, sagt Jan.

In der Nacht auf Dienstag, als es in Celle wieder bis zu minus 20 Grad kalt war, hat ihn eine Freundin bei sich aufgenommen. „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Janni bei dieser Kälte draußen schläft“, sagt sie. Früher hat er für einige Wochen bei ihr gewohnt, aber das ist jetzt aus privaten Gründen nicht mehr möglich. Jan sagt: „Ich möchte nicht mehr Hilfe als nötig. Meine Freunde haben alle eigene Sorgen.“

Heute Nacht wird er wieder in seinen Bunker gehen und die Kälte wird ihn begleiten. Zur Wochenmitte sagen die Meteorologen etwas mildere Temperaturen voraus. Doch dann wird schon die nächste Kaltfront erwartet. Jan gibt sich kämpferisch: „Ich habe schon so viel harte Zeiten überstanden, da werde ich diesen Winter auch schaffen“. Er lächelt. Trotz allem.

Von David Sarkar