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Celle Stadt Kammermusikring im Celler Schlosstheater: Ein Abend voller Widersprüche
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kammermusikring im Celler Schlosstheater: Ein Abend voller Widersprüche
10:29 20.01.2014
Einen Abend großer Widersprüche bot die Kammerakademie Potsdam bei seinem Konzert im Celler Schlosstheater. Quelle: Benjamin Westhoff
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Der Abend begann ärgerlich: Das zweite Brandenburgische Konzert, gespielt von den Solisten der Kammerakademie und dem dirigentenlosen Orchester selbst, ist arg daneben gegangen. Die Klangbalance stimmte hinten und vorne nicht bei den Solisten: Oboe und Trompete viel zu laut, Geige und Blockflöte viel zu leise. Das war alleine schon deshalb bedauerlich, weil unüberhörbar war, dass die Blockflötistin mit Abstand die musikalischste Spielerin auf dem Podium des Schlosstheaters war. Der Oboist hatte starke Momente, aber immer wieder viel gestalterischen Leerlauf, die Geigerin spielte nur Töne ohne die Musik dahinter auch nur erahnen zu lassen und der Trompeter mit seinem überaus empfindlichen Piccoloinstrument hatte einen rabenschwarzen Tag. Soll vorkommen, war aber eben doch arg störend.

Aber das Wichtigste war, dass das Orchester mit seinem kurzatmigen, annähernd vibratofreien Spiel wie ein "Tönewiedergabeverein" klang, nicht aber wie ein renommiertes Kammerensemble. Was immer der Grund dafür gewesen sein mag, bereits beim nachfolgenden vierten Brandenburgischen Konzert klang das Ensemble schon besser, wenn auch noch nicht voll überzeugend. Am Abend zuvor konnte man das Orchester musica assoluta mit innerlich vibrierenden, musikantisch lustvoll ausgereizten Vivaldi-Klängen in der Stadtkirche erleben und jetzt klang selbst die im Vergleich zum ersten Stück des Abends bessere, ja geradezu heitere Wiedergabe des vierten Brandenburgischen nicht annähernd so gut wie die Vivaldi-Wiedergaben am Abend zuvor. Aber immerhin: Die beiden Blockflötistinnen waren ein Genuss und retteten diese Interpretation. Sie hauchten dem Stück im wahrsten Sinne des Wortes das Leben ein, das man sich wünschte.

Nach der Pause überraschte ein wie verwandelt aufspielendes Orchester, nun unter der Leitung von Antonello Manacorda mit einer brillanten Wiedergabe von Igor Strawinskys „Apollon Musagete“. Manacorda traf genau den Ton des neoklassizistischen Werkes, ließ weniger auf Ausdruck musizieren als den Ausdruck des Stückes ausstellen. Und erstaunlicherweise klappte diese höchst anspruchsvolle Spielweise wie unter Anführungszeichen bestens. Die innere Haltung der Musiker entsprach in hohem Maße dem des epischen Theaters von Brecht, dem es in seiner Theaterarbeit nicht um Identifikation ging, sondern um das Vorführen des in der Sprache Ausgedrückten durch einen reflektierenden Darsteller vor distanzwahrenden Zuschauern. Genau das hat Manacorda hier mit seinen Musikern vorgeführt und damit die musikalische Charakteristik dieses Stückes auf den Punkt gebracht. Dabei hat er mit aller Raffinesse die vielfältigen Klangfarben des Stückes genauso offen gelegt, wie durch differenzierteste Artikulation und Phrasierung für immer wieder faszinierende Momente gesorgt. Das war so stark, dass man darüber den schwachen ersten Teil des Programms fast vergessen konnte.

Abgesehen vom Hörerlebnis gab es an diesem Abend übrigens noch eine Erkenntnis am Rande: Die Akustik ist für ein Orchester extrem trocken im Schlosstheater. Aber warum muss der Kammermusikring eigentlich überhaupt Orchester bieten? Es gibt doch in der Celler Union einen eigenen Konzertzyklus des Braunschweiger Staatsorchesters.

Von Reinald Hanke