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Celle Stadt Kein Kulturerbe: Celler Kritik an Unesco-Entscheidung zum Schützenwesen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kein Kulturerbe: Celler Kritik an Unesco-Entscheidung zum Schützenwesen
21:01 19.02.2015
Von Simon Ziegler
Eine lange Tradition hat das Schützenfest in Celle. Das Schützenwesen ist vorerst noch kein Kulturerbe, bemängelt wird die fehlende religiöse Öffnung.   Quelle: Benjamin Westhoff (Archiv)
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„Kleinkariert“, „kein Verständnis“, „ungerecht“: So haben Celler Schützen auf die Nachricht reagiert, wonach das Schützenwesen zunächst kein Kulturerbe werden soll. Die deutsche Kommission der Unesco, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, hatte mitgeteilt, dass 27 Traditionen und Wissensformen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurden. 56 Vorschläge seien nicht im ersten Anlauf berücksichtigt worden, darunter auch das Schützenwesen. Hier hätten die Experten um eine Überarbeitung des Antrags gebeten. Der Antrag der Europäischen Gemeinschaft Historischer Schützen sei aber nicht abgelehnt, sondern zur weiteren Beratung zurückgestellt worden.

Grund soll der Fall von Mithat Gedik aus dem westfälischen Werl sein, dem wegen seines muslimischen Glaubens im vergangenen Jahr die Teilnahme an einem Bezirksschützenfest untersagt worden war. In der Unesco-Begründung heißt es, wegen der „schroffen und ausgrenzenden Reaktionen“ auf den muslimischen Schützenkönig könne eine „zivilgesellschaftlich zugängliche und offene Traditionspflege“ zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt werden.

„Ich finde es nicht gerecht, dass dieser Antrag zurückgestellt wurde“, sagte Hannelore Müller, Vorsitzende des Schützenvereins Lachendorf. Sie kritisiert, dass wegen eines Falles „so ein Riesenprogramm“ gemacht werde. Es sei nicht richtig, alle Schützen deshalb in Misskredit zu bringen. „Bei uns kann jedes Mitglied schießen, wir haben aber keine Muslime im Verein“, sagte sie. Man sei offen und tolerant, in der Vergangenheit habe es auch schon homosexuelle Majestäten gegeben.

Auch Wolfgang Jahnke, Vereinsvorsitzender in Habighorst, kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Das Schützenwesen habe eine lange Tradition. Es sei daher angemessen, als Kulturerbe anerkannt zu werden.

Das sieht Christoph Rochell, Vorsitzender der Schützengilde in Sülze, ähnlich. „Die Schützengilde gibt es seit 1744. Es ist nicht nur das Schießen, wir pflegen Brauchtum und Tradition. Es wäre auf jeden Fall richtig, das Schützenwesen im Kulturerbe-Verzeichnis aufzunehmen“, sagte Rochell. Die Schützengilde in Sülze ist mit 534 Mitgliedern einer der größten Schützenvereine in Niedersachsen. Die Weltoffenheit wird auch hier betont. Kurden, Russlanddeutsche, Niederländer, Schotten und Engländer schießen im Verein, sogar aus Trinidad & Tobago kommt ein Schütze der Gilde.

Wilfried Ritzke, Vorsitzender des Kreisschützenbundes, betont, dass der Antrag für die Unesco-Bewerbung jetzt überarbeitet wird. „Ich denke, dass die Antragsformulierung nicht eindeutig gewesen ist und dass jetzt nachgebessert werden muss“, sagte er. Inwieweit der Fall Gedik eine Rolle gespielt habe, könne er nicht beurteilen. Aufgrund seiner langen Tradition und seines Brauchtums sollte das Schützenwesen Kulturerbe werden, findet Celles oberster Schütze.

Der Fall des Deutsch-Türken Gedik hatte 2014 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der „Bund Historischer Deutscher Schützenbruderschaften“ hatte zunächst seine Abdankung gefordert und darauf bestanden, dass nur Christen Mitglieder im Schützenverein sein könnten. Schließlich entschied der Dachverband, dass Gedik sein Amt „ausnahmsweise“ behalten darf. Gedik ist in Deutschland geboren, mit einer Katholikin verheiratet und hat vier katholisch getaufte Kinder.