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Celle Stadt Kein guter Abend für Kreisler in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kein guter Abend für Kreisler in Celle
16:32 03.03.2015
Mimischer und gestischer Aufwand für fünf Konzerte: Tim Fischer wusste mit den Georg-Kreisler-Liedern nicht völlig zu überzeugen Quelle: Alex Sorokin
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Tim Fischer singt Georg Kreisler, das versprach einen Leckerbissen der in Celle nur selten zu erlebenden Art. Fischer eilt der Ruf voraus, einer der ganz wenigen zu sein, die mit der Besonderheit des so wienerischen wie schwarzen und surrealen kreislerschen Humors umgehen kann. Beim von „Kultur Querbeet“ organisierten Konzert im Celler Schlosstheater war das leider erst bei den Zugaben zu erleben.

Vorher dachte man zeitweise, dass man einer akustischen Täuschung aufgesessen sei. Fischer sang und spielte platt und überrumpelnd die so fein- wie hintersinnigen, die so poetischen wie kritischen bis arg bösen Texte Kreislers.

Kreisler war als gebürtiger Wiener dem Wienerischen in höchstem Maße verhaftet, es war ihm aber zugleich zutiefst zuwider, weil er in ihm die politische und gesellschaftskritische Schärfe vermisste. Deshalb erfand er Wiener Lieder, die das Wienerische so überdrehten, dass sie ins Absurde kippten. In dieser Doppelbödigkeit liegt das Einzigartige seiner Texte und Musik.

Aber genau das war bei Fischer kaum zu erleben. Dabei merkte man immer wieder, dass hinter der oberflächlichen Fassade Fischers, seinem eitel geckenhaften Gehabe, seinen immer gleichen Bewegungen durchaus ein Künstler steckt, der die Dinge auch auf den Punkt bringen könnte. Das gelang ihm aber erst bei den Zugaben. Da ging „sein“ Kreisler endlich auch unter die Haut.

Fischer sang meist mit einer näselnden Stimme in einem Stil, wie es Max Rabe praktiziert. Aber Fischer spielt keine Rolle und keine Kunstfigur wie Rabe, er singt einfach nur: meist aufdringlich, eintönig, undifferenziert und laut, weil viel zu arg verstärkt. Im schnellen Tempo war er oft unverständlich und vor allem weitgehend im immer gleichen Modus. Nummer folgt auf Nummer. Kaum Moderation.

Am Anfang stürmte Fischer hollywoodmäßig auf die Bühne, als ob er damit klar machen wollte, dass Kreisler dem Pass nach Amerikaner war, um gleich das berühmteste Stück Kreislers, „Tauben vergiften im Park“ so fern jeden kreislerschen Geistes zu präsentieren, dass man es kaum glauben wollte.

Fischer agierte mit einem mimischen wie gestischen Aufwand, der für fünf Konzerte gereicht hätte. Fast alles wirkte übertrieben und unglaubwürdig. Und es ging auch so weiter. Dem Wesen dieser vielschichtigen Texte, denen man oft erst nach mehrmaligem Hören auf die Spur kommt, blieb Fischer viel schuldig. Erst bei den Zugaben ging sein Vortrag in die Tiefe. Nun konzentrierte er sich auf das Wesentliche. Und da wurde es klar: Ja, Tim Fischer könnte möglicherweise dem Phänomen Kreisler gerecht werden. Aber das wird nicht funktionieren im Alleingang. Mit einem guten Regisseur hätte der Abend vielleicht beeindruckend werden können.

Von Reinald Hanke