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Celle Stadt Kindesmisshandlung: „Kreis Celle nur mit Glück bislang verschont“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kindesmisshandlung: „Kreis Celle nur mit Glück bislang verschont“
20:18 28.02.2014
Von Klaus Frieling
Celle Stadt

Ist eine Tragödie wie die tödliche Misshandlung der dreijährigen Yagmur in Hamburg bei uns nicht möglich? Über die entsprechende Aussage der Celler Psychotherapeutin Roslies Wille-Nopens (CZ vom 6. Februar) seien sie entsetzt gewesen, sagen zwei Pflegemütter aus dem Kreisgebiet. Die beiden Frauen, die ihren Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen möchten, bezweifeln nach langjährigen Erfahrungen mit dem Jugendamt des Kreises, dass vergleichbare furchtbare Vorfälle im hiesigen Bereich undenkbar seien: „Dass ähnliches im Kreis Celle noch nicht passiert ist, ist ein reiner Glücksfall.“

Im Fall des unglückseligen Hamburger Kindes hätten alle Systeme versagt, bilanzieren die beiden Pflegemütter im Gespräch mit der Celleschen Zeitung. Und sehen Parallelen zum hiesigen Geschehen: Entgegen den Aussagen von Amtsleiterin Dagmar Wiese-Cordes sei auch das Jugendamt des Kreises Celle personell chronisch unterbesetzt. Alle Mitarbeiter dort seien überlastet – „fragen sie mal nach dem Krankenstand im Jugendamt“. Das seien dort keine vernünftigen Arbeitsbedingungen – „und das in einem Amt, in dem über persönliche Schicksale entschieden wird“.

Der Krankheitsstand in dem Aufgabenbereich sei in der Tat etwas höher als im Durchschnitt der übrigen Kreisverwaltung, bestätigt das Kreishaus auf CZ-Anfrage. „Durch interne Umstrukturierungen haben wir dem aber im letzten Jahr entgegen gewirkt“, betont Pressesprecher Holger Harms. So gehe die Kreisverwaltung davon aus, im Jugendamt personell gut aufgestellt zu sein: Mit 50 Fällen hätten die Mitarbeiter im allgemeinen Sozialdienst im Vergleich weniger Fälle als die meisten anderen Landkreise zu bearbeiten.

Zurück zu den beiden Pflegemüttern: Das Wohl ihrer Schutzbefohlenen liegt ihnen am Herzen. Gleichwohl sind die Kinder, die aus zerrütteten Verhältnissen in die Pflegefamilien gebracht werden, manchmal auch eine Bürde. „Unser Pflegekind hat schwere vorgeburtliche Schädigungen erlitten – es wurde zusätzlich traumatisiert und ist stark entwicklungsverzögert. Es hat Erfahrungen gemacht, die tief sitzen und sich im Verhalten des Kindes wieder spiegeln“, erzählt eine der beiden Frauen über ihren Schützling, der seit acht Jahren in ihrer Familie lebt. „Man muss richtig viel Mut haben, um sich auf dieses Miteinander einzulassen. Und am allermeisten braucht man ganz viel Herz!“

Doch damit allein ist es eben nicht getan, verweist die Frau auf aggressive Verhaltensauffälligkeiten ihres Pflegekindes, bei denen auch mal das Mobiliar zu Bruch geht: „So ein Kind ist eben kostenintensiver als andere. Doch unser Antrag auf mehr Unterstützung und Hilfe durch das Jugendamt wurde abgelehnt. Man scheint uns zu unterstellen, dass wir nur auf mehr Geld aus seien“, empört sich die resolute Frau über ihre Erfahrungen mit der Behörde. Süffisant sei sie darauf hingewiesen worden, dass das Kind ja ins Heim gebracht werden könne, wenn es zu anstrengend sei. „Dabei sind die familiären Bindungen eine wichtige Entwicklungsressource, die eine Heimeinrichtung nicht bieten kann.“

Andere Bundesländer regeln derartige Dinge offenbar besser: Bayern, Baden-Württemberg und Hessen etwa würden problemlos für die Sonderpflege einstehen, erzählt die andere Pflegemutter von ihren Erfahrungen in früheren Wohnorten. „Das sind die reichen Bundesländer.“ In der Celler Kreisverwaltung hingegen werde zu sehr auf die Finanzen geachtet. Dieses Kostenbewusstsein gehe zu Lasten des Kindeswohls – „dabei kostet ein Heimplatz als Alternative zur Pflegefamilie das Vierfache von dem, was wir bekommen“.

Die familiäre Bindung kann ein Heimaufenthalt nicht ersetzen. Wertschätzend aber sei das Verhalten der Behörde nicht. „Mit den einzelnen Mitarbeitern des Kreisjugendamtes haben wir immer vertrauensvoll zusammenarbeiten können“, betonen beide Frauen. Doch auch die seien eben oft gezwungen, auf Anweisung von oben gegen die eigene Überzeugung zu handeln, wenn es ums Geld gehe: „Es werden immer mehr Hilfen eingesetzt, aber der Etat steigt nicht.“

Gertrud Truffel (Grüne), Vorsitzende des Kreis-Jugendhilfeausschusses, erklärt auf CZ-Anfrage zu der Thematik: „Der Jugendhilfeausschuss hat bereits mehrfach die personelle Situation des Kreisjugendamts angesprochen – unabhängig von der Berichterstattung über Fälle wie den von Yagmur.“ Prinzipiell sei die personelle Ausstattung des Amts jedoch nur einer der Faktoren, wenn auch ein wichtiger. Ebenso wichtig seien die kontinuierliche Bewertung von Fällen, eine regelmäßige Kontrolle und Beratung durch geschulte Fachkräfte und auch der Austausch mit anderen Trägern wie etwa Ärzten und Krankenhäusern. „Gerade der Armutsbericht für Stadt und Landkreis Celle hat uns im vergangenen Jahr noch einmal verdeutlicht, wie wichtig ein funktionierendes soziales Betreuungsangebot ist, um ein Abrutschen von Kindern und Jugendlichen zu verhindern und ihnen eine Perspektive zu geben“, sagt Truffel. Amtsleiterin Wiese-Cordes könne sich der Unterstützung des Ausschusses sicher sein.

„Wir meinen, umfassende Vorsorge getroffen zu haben, dass es bei uns nicht zu Todesfällen wie dem von Yagmur kommt“, bilanziert auch Kreissprecher Harms. „Absolute Sicherheit können wir aber nicht garantieren, weil wir nicht und schon gar nicht ständig hinter jede Haustür schauen können. Wir sind auf Hinweise vor allem von Lehrern, Erzieherinnen, Nachbarn und anderen angewiesen.“