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Celle Stadt Klassische Tragödie mit Puppen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Klassische Tragödie mit Puppen
17:30 17.02.2012
Vorbericht Antigone Quelle: Peter M¸ller
Celle Stadt

Der thebanische König Kreon hält den im Kampf gefallenen Polyneikes für einen Vaterlandsverräter und untersagt die rituelle Bestattung. Die Schwestern des Toten reagieren unterschiedlich: Während Ismene aus Furcht das Verbot einhalten will, setzt sich Antigone darüber hinweg und wird prompt ertappt. Kreon muss nun ein Exempel statuieren – eine heikle Angelegenheit, zumal Antigone nicht nur seine Nichte, sondern auch die Geliebte seines Sohnes Haimon ist.

So weit, so bekannt. Doch wenn am kommenden Freitag die klassische Tragödie von Sophokles in der Kleinen Residenzhalle Premiere hat, ist mit ein paar Abweichungen vom Standard zu rechnen. So gibt es zum Beispiel keinen herkömmlichen Chor, ohne dass allerdings dessen Texte völlig aus der Inszenierung verschwunden wären. Und vor allem werden außer Schauspielern auch Puppen auf der Bühne zu sehen sein.

„Das erweitert die Palette der Möglichkeiten“, erläutert Regisseur Benjamin Westhoff die ungewöhnliche Entscheidung. Ein Darstellerquartett übernimmt die Rollen der Königsfamilie, zwei Akteure führen zusätzlich Puppen. Es sind deren drei, in unterschiedlichen Größen, was natürlich auch unterschiedliche Spielformen erfordert: Der Sekretär ist eine Handpuppe, der Seher Teiresias misst gute 70 Zentimeter, und der überlebensgroße Wächter muss im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert werden.

Dass der Wächter den König größenmäßig übertrifft, mag irritieren, kann aber begründet werden. Zumindest stiehlt er dem Herrscher die Schau, wenn er im Wissen, dass Überbringer schlechter Nachrichten eine gefährdete Spezies sind, Girlanden schwatzt und damit den ganzen Laden aufhält. Was übrigens einen gewissen Humor hat: „Den wollen wir auch keineswegs aus dem Abend heraushalten“, bestätigt Westhoff.

Überhaupt soll’s nicht eindimensional zugehen. Kreon der selbstherrliche Despot, Antigone die mutige Vertreterin des zivilen Ungehorsams: Das wäre dann doch etwas zu einfach. „Kreon ist kein gedankenloser Machtmensch“, betont der Regisseur. „Aber er glaubt, er könne es sich nicht leisten, als Schwächling dazustehen.“ Claudia Frost wiederum, die Darstellerin der Antigone, hat ihren Texten nicht nur positive Züge entnommen: „Sie hat auch etwas sehr Selbstgerechtes.“

Die Ismene spielt Birte Hebold, die außerdem zwei der Figuren führt – diesen Begriff hören Akteure des Genres meist lieber als „Puppen“, weil sie nicht in Verbindung mit putzigen Kasperle-Trivialitäten gebracht werden wollen. Die beiden herausragenden deutschen Hochschulen für dieses Fach setzen verschiedene Schwerpunkte, die in Celle zusammenkommen: Maik Evers hat in Stuttgart studiert, wo der Anteil der bildenden Kunst einen höheren Stellenwert hat – folgerichtig spielt er nicht nur Haimon, sondern kümmert sich auch ausgiebig um die Gestaltung der Figuren. „Das liegt mir gar nicht“, sagt Birte Hebold. „Bei uns in Berlin stand mehr das darstellende Spiel im Vordergrund.“

Witzigerweise scheinen die beiden Damen einigermaßen gegen das Temperament besetzt.

In der obrigkeitsgläubigen Ismene kann sich Hebold nur bedingt wiederentdecken („Ich könnte den Mund nicht halten“), während Claudia Frost privat kaum den Trotzkopf heraushängen lässt: „Ich wünsche mir manchmal, ich könnte mein Empfinden für Ungerechtigkeiten so zum Ausdruck bringen wie Antigone. Aber ich neige eher dazu, alles mit mir selbst abzumachen.“

Von Jörg Worat