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Celle Stadt Krieg als komplexe Betrachtung
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Krieg als komplexe Betrachtung
13:31 17.11.2010
Christiane Lemm und Petra Friedrich Quelle: Jochen Quast
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Einst waren sie die First Ladys, nun sind sie nurmehr Kriegsbeute, den Wünschen der Sieger ausgeliefert: So beschrieb Euripides vor knapp 2500 Jahren „Die Troerinnen“, und so begegnen sie uns auch in der Bearbeitung von Walter Jens aus dem Jahre 1983. „Der Untergang“ heißt diese Fassung, deren Premiere morgen um 20 Uhr in der Residenzhalle zu sehen ist.

Allerdings nicht ohne mancherlei Veränderungen. Denn eine gar zu einseitige Lesart will Regisseur André Bastian auf jeden Fall vermeiden: „Es geht natürlich darum, das ungeheure Leid, das der Krieg erzeugt, erfahrbar zu machen. Aber mir ist auch sehr wichtig, auf das Gemachtsein von Theater, von Sprache hinzuweisen. In der Schönheit der Sprache steckt auch eine manipulative Gefahr.“ Ist doch Walter Jens in Bastians Augen spürbar mehr Moralist als Euripides: „Eben sehr deutlich beeinflusst durch die Friedensbewegung der 80er Jahre. Heutzutage muss man aber das Thema Krieg komplexer betrachten.“ Auf dass es sich der Theaterbesucher nicht in einer Art wohligen Betroffenheit bequem mache: „Wenn alle rausgehen und sagen ,Jaja, der Krieg ist schlimm, lasst uns ihn vermeiden’ – das wäre mir zu wenig.“

Daher wird es Brüche geben und unterschiedliche Darstellungsformen: Chorisches Sprechen gehört dazu, zuweilen werden Mikrophone eingesetzt, und an Spielelementen soll es ebenfalls nicht mangeln. Zudem kündigt Bastian „kleine Verstörungen“ an, die er auf hartnäckige Nachfrage zwar verrät, aber verständlicherweise nicht vorab gedruckt sehen möchte.

Auch das Figurenspektrum hat sich der Regisseur ganz genau angeschaut: „Jede Frauenfigur hat ihre eigene Problematik, die ich herausarbeiten möchte. In Andromache etwa gibt es den Konflikt zwischen der Mutter und der liebenden Frau. Das klingt zunächst absurd, aber welchen Ausweg soll sie, die ihrem toten Gatten Hektor um jeden Preis die Treue halten will, aus dieser Situation finden?“ Und die Männer haben gar nichts zu bieten? „Doch, eine Menge. Talthybios zum Beispiel ist eine sehr interessante Figur. Sicherlich ein Mitläufer, aber so einseitig will ich ihn nicht charakterisieren. Später und von außen ist es immer einfach zu behaupten, man selbst hätte sich in einer entsprechenden Lage heldenhaft widersetzt.“ Wie der Regisseur überhaupt wohlfeile Schwarzweiß-Malerei vermeiden möchte: „Es soll nicht nur der Eindruck entstehen: hier die armen Troerinnen, dort die bösen Griechen.“

Das Publikum wird die rund 110minütige pausenlose Vorstellung von Sitzen aus verfolgen, die in der Art einer Arena angeordnet sind. Die Kostüme sollen eher zeitgenössisch anmuten, bei den Frauen indes natürlich alles andere als schick daherkommen: „Als hätten sie die letzten Lumpen zusammengerafft und dabei doch so etwas wie Würde bewahrt“, erläutert Bastian. Musik wird es nicht geben, wohl aber akustische Elemente, auf die der Regisseur in seiner Wahlheimat Australien gekommen ist: „Im Februar, da ist bei uns Sommer, sind mir all diese Zikaden aufgefallen und ich habe mir überlegt, wie ich das im Theater einsetzen kann. Über das Geräusch die Stille deutlich zu machen, aber nicht die erholsame Stille, sondern die Stille nach dem großen Verlust.“ Nicht wundern also, wenn es in der Residenzhalle demnächst zirpen sollte – selbstverständlich auch das nicht eindimensional: „Es gibt das romantische Zirpen“, sagt Bastian, „und das garstige.“

Von Jörg Worat