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Celle Stadt Kunstprojekt im Celler Hafen vermittelt Gefühl für Odyssee von Flüchtlingen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kunstprojekt im Celler Hafen vermittelt Gefühl für Odyssee von Flüchtlingen
23:18 05.09.2017
Von Dagny Siebke
Noch bis morgen können Celler den ägyptischen Fischkutter besuchen, der im Sommer 2013 vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache beschlagnahmt wurde. Quelle: Oliver Knoblich
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Damit kommen bei dem 32-Jährigen auch die Erinnerungen an die eigene Flucht nach Deutschland hoch. Zwar war seine Reise über das Mittelmeer nicht so lang wie die vieler Afrikaner, aber dennoch gefährlich. „Ich habe sechs Versuche gebraucht, um von der Türkei nach Griechenland zu kommen“, erzählt Kahil.

Noch bis morgen können die Celler selbst nachfühlen, wie es Geflüchteten an Bord der „Al-hadj Djumaa“ erging. Das frühere Flüchtlingsschiff gehört jetzt der gemeinnützigen Vereinigung „Rederij Lampedusa“ aus Amsterdam, die damit thematische Grachtenfahrten zu Flucht und Vertreibung anbietet. Der Fischkutter war im Sommer 2013 mit 217 Eritreern und 65 Äthiopiern an Bord aus Ägypten gekommen und wurde vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache beschlagnahmt. „Sie müssen sich also vorstellen, dass viermal so viele Menschen an Bord waren“, erklärt Initiator Gerald Mennen den ersten Besuchern am Dienstagabend. Jeder Passagier habe etwa 1000 oder 1500 Euro für die Überfahrt bezahlt.

„Auf meinem Boot war viel weniger Platz. Wir konnten gar nicht stehen, sondern saßen mit unseren Schwimmwesten zusammengekauert auf dem Rand“, sagt Kahil. „Es sieht so aus, als würden die Kupferfiguren zuversichtlich in die Zukunft schauen, aber für uns gab es keine Hoffnung. Wir hatten alle Angst und alle haben geweint.“ Der Syrer fragt sich, warum unter den Kupferfiguren kaum Kinder sind. Mennen erläutert, dass die Frauen und Kinder unter Deck untergebracht waren, wo es kaum Licht und Luft gab.

Kahil teilte sich das Schlauchboot mit 50 anderen Menschen. Sein vierter Versuch, nach Griechenland zu gelangen, misslang, weil das Boot völlig überladen war. Die Flucht wurde abgebrochen, weil Wasser eindrang. Dabei wurde aber das Gepäck der Flüchtlinge durchsucht und geplündert. Beim fünften Versuch sank das Schlauchboot auf dem Meer. „Ich weiß nicht, was mit all den Menschen passiert ist, die mit uns im Boot waren“, erzählt Kahil. Er habe bei seiner Odyssee viele Menschen im Wasser treiben gesehen.

Auch sein sechster Fluchtversuch drohte zu scheitern. Nach 25 Minuten erreichte das Boot eine griechische Insel, doch es kollidierte mit einem Felsen in Strandnähe. „Die Frauen und Kinder gerieten in Panik. Einige Männer, wir natürlich auch, sprangen ins Wasser, um das Boot an Land zu ziehen: Es ist unglaublich, welche Kräfte man in einem solchen Moment entwickelt.“

Zwei Jahre nach seiner Flucht lernt Kahil Deutsch an der Volkshochschule. Auch bei der CZ hat der gelernte Journalist ein Praktikum gemacht. Ihm gefällt das Kunstprojekt, das die SVO unterstützt. „Es ist ein gutes Projekt, auch wenn es nicht perfekt ist. Alle Besucher, die hier vorbeikommen, werden sich fragen, was das ist, und erfahren nicht nur aus den Nachrichten, was Flüchtlinge hinter sich haben.“