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Celle Stadt Kurt Roberg hält Vortrag über jüdische Kindheit am HBG
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kurt Roberg hält Vortrag über jüdische Kindheit am HBG
17:23 24.09.2013
Kurt Roberg (links) begrüßt HBG-Schülerin Dalia Gutharc und Pastor Tomas Gaete im Vorfeld seines Vortrags über seine jüdische Kindheit in Celle. Quelle: Alex Sorokin
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„Man sieht nur das, was man weiß.“ Mit diesem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe beginnt Kurt Roberg seine Geschichtsstunde der etwas anderen Art vor den Schülern der Oberstufe des Hermann-Billung-Gymnasiums (HBG) in Celle.

Roberg ist 1924 in Celle geboren und jüdischen Glaubens. Er selbst war Schüler am HBG, der damaligen Oberrealschule, bis er im Jahr 1938 nach der Reichspogromnacht aus Deutschland fliehen musste. Anschaulich schildert er den heutigen Schülern seine jüdische Kindheit in seiner Heimatstadt Celle und insbesondere seine Eindrücke während des Zeitraumes nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933. Eine jüdische Mitschülern, Dalia Gutharc, spricht zu Beginn der Veranstaltung einige Begrüßungsworte und schildert kurz ihre eigenen Eindrücke als Jüdin: Auch heute noch könne man die Ausgrenzung seitens der Mitmenschen deutlich wahrnehmen.

Danach übernimmt dann Kurt Roberg das Mikro, um mit seiner eindrucksvollen und bewegenden Lebensgeschichte fortzufahren, die er auch in seinem Buch „Zwischen Ziegeninsel und Stadtgraben - Eine jüdische Kindheit in Celle“ festgehalten hat: „Dieses Buch soll ein kleines Steinchen im großen Mosaik der Literatur sein, die sich mit dem Holocaust und dessen Aufarbeitung beschäftigt.“

Dabei ist es ihm ein besonderes Anliegen, bei seinen jungen Zuhörern ein Bewusstsein für die Vergangenheit zu schaffen: „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können daraus lernen.“ Es sei an der Zeit, um Vorurteile und Anschauungen gegenüber dem Judentum zu verändern, so Roberg weiter. Dies müsse in der Politik beginnen und sich durch religiöse, kulturelle und pädagogische Institutionen des Landes fortsetzen und gefestigt werden.

Nach Robergs Berichten ist Zeit, die Fragen der Schüler zu beantworten. Von besonderem Interesse ist dabei die Bedeutung des Ausspruchs „keinen Risches machen“, was soviel bedeutet wie „kein Aufsehen erregen“. Alltägliche Dinge wie Familienfeiern, Café- oder Kinobesuche wurden nach 1933 von den Juden bereits freiwillig vermieden, bevor es überhaupt zu offiziellen Verboten kam. Das hatte einen einfachen Grund: Das Verbot „Juden nicht erwünscht“ sollte von vornherein vermieden werden, auch um befreundete Geschäftsbesitzer nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Dass man diesen Ausspruch als Angehöriger des jüdischen Glaubens nicht gerne hört, versteht sich dabei von selbst.

Dass der Holocaust für die junge Generation ein eher abstraktes Thema ist, zeigt sich auch in der Frage, inwiefern sich in der damaligen Zeit die Menschen gegen den Antisemitismus geäußert haben. Robergs schlichte, aber auch ernüchternde Antwort darauf lautet: „Geäußert hat sich niemand.“ Natürlich gab es Andeutungen, aber klar Position bezogen habe zu dieser Zeit keiner: „Nur mit Juden konnte man sich diesbezüglich frei unterhalten. Anderen Deutschen konnte man nicht trauen.“

Am Ende des authentischen Vortrages, in dem die Einschränkungen und Bedrohungen des Naziregimes aus Sicht von Kurt Roberg besonders veranschaulicht werden konnten, gibt es für ihn noch ein besonderes Präsent: Robert Baberske, stellvertretender Schulleiter, überreicht dem Gast nach 75 Jahren seine Zeugnisse, die er aufgrund seiner Flucht im Dezember 1938 nicht mehr selbst entgegennehmen konnte. Auch er ist sich sicher: “Seine Worte werden nicht spurlos an uns und unseren Schülern vorübergehen.“

Stefanie Franke

Von Stefanie Franke