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Celle Stadt Landesuniversität Göttingen hatte Sondergesetze für Studierende
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Landesuniversität Göttingen hatte Sondergesetze für Studierende
17:42 09.08.2018
1. Titelseite des Gesetzes von 1835 - Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

In der heutigen vielfältigen Hochschullandschaft Niedersachsens ist inzwischen Göttingen die älteste Universität. Sie wurde 1733 gestiftet und 1737 dann eingeweiht. Kommt man auf den studentischen Alltag in vergangenen Jahrhunderten zu sprechen, so herrscht oft die Meinung, die Studenten hätten – fern vom Elternhaus – das studentische Leben so recht genossen. Erinnert wird an Kommersabende in den studentischen Verbindungen oder auch gar an Duelle, mit denen „Ehrenhändel“ ausgetragen wurden.

Ein ganz anderes Bild vom studentischen Alltag ergibt sich, wenn man etwa in den Gesetzen blättert, die speziell für Studenten erlassen wurden. Uns liegt der Text der „Gesetze für die Studirenden auf der Georg Augusts Universität zu Göttingen“ aus dem Jahre 1835 vor, in denen in nicht weniger als 84 Paragraphen das Leben eines Studenten geregelt war.

Wer in Göttingen studieren wollte, hatte sich diesen Gesetzen und der Gerichtsbarkeit der Universität zu unterwerfen. Innerhalb von zwei Tagen nach seiner Ankunft hatte sich der Student „zum Zwecke der Inscription“ zu melden. Die Frist für die Immatrikulation lief eine Woche nach Beginn der Vorlesungen ab. Zur Immatrikulation musste ein amtliches Zeugnis über die „wissenschaftliche Vorbereitung“, also ein Maturitätszeugnis, vorgelegt werden, aus dem auch „das bisherige sittliche Betragen“ hervorzugehen hatte. Das galt auch, wenn man zuvor schon eine andere Universität besucht hatte. Mit Handschlag wurde man auf die akademischen Gesetze verpflichtet. Bereits immatrikulierte Studenten mussten zu Beginn eines neuen Semesters nachweisen, wo sie sich in den vorhergegangenen Ferien aufgehalten hatten.

Wer ohne Koffer anreiste, wurde gleich wieder fortgeschickt

Mit der Matrikel erwarb der Student das akademische Bürgerrecht auf vier Jahre, zugleich damit auch „das Recht des Aufenthaltes in Göttingen unter der akademischen Gerichtsbarkeit, die Freiheit von persönlichen bürgerlichen Lasten, das Recht die akademischen Vorlesungen und Anstalten auf die vorgeschriebene Art zu benutzen, und diejenigen Vortheile zu genießen, welche sonst noch den Studirenden durch die Gesetze ausdrücklich bewilligt sind.“

Das akademische Bürgerrecht verlor der Student, „wenn er keinen Koffer mitgebracht hat, oder in den ersten vier Wochen auf Credit zu leben anfängt, welches beides die Hauswirthe anzuzeigen bei Strafe verpflichtet sind.“

Die Studierenden hatten der akademischen Obrigkeit „in allen Stücken Gehorsam zu leisten.“ Wer einer Vorlesung frevelhaft fernblieb, konnte mit Karzer bestraft werden.

Jeder Studierende hatte eine Wohnung in der Stadt zu nehmen. Außerhalb – etwa in einem Gartenhaus – zu wohnen, bedurfte der ausdrücklichen Genehmigung. Mietkontrakte galten grundsätzlich nur für ein Semester, wenn nicht ausdrücklich etwas anderes verabredet war. Das „Aufwartegeld“ (Bedienung) sollte im Mietzins enthalten sind. „Aftervermietungen“ waren gegen den Willen des Vermieters nicht erlaubt. Beherbergte man in einer Mietwohnung einen Fremden, so musste das unverzüglich der akademischen Obrigkeit und dem Hauswirt angezeigt werden. Andernfalls waren fünf Taler Strafe fällig.

Studentische Verbindungen

Studentische Verbindungen mussten amtlich vom Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten genehmigt sein. Solche Vereinigungen sollten wissenschaftlichen, konnten aber auch geselligen Zwecken dienen. Wer eine verbotene Verbindung betrieb, musste damit rechnen, härter als nur mit dem Karzer bestraft zu werden. Er war im allgemeinen mit dem „consilio abeundi“ oder der Relegation (= Verweisung von der Hochschule) zu belegen. Die Mitglieder einer verbotenen Verbindung enthielten mindestens eine strenge Karzerstrafe, konnten ggf. aber auch von der Universität entfernt werden. Die so bestraften Studenten konnten erst nach 6, bzw. 12 Monaten eine erneute Aufnahme bei der Universität beantragen. Eine Begnadigung war möglich, wenn man nachwies, dass man nach der Verweisung von der Universität die Zeit nützlich verbracht und einen untadelhaften Lebenswandel geführt hatte.

Mitglieder einer Burschenschaft oder einer politisch ausgerichteten Verbindung mussten mit „geschärfter Relegation“ rechnen, ggf. sogar mit einer Kriminalstrafe. Sie hatten auch keine Chance, später in den Zivildienst, in ein kirchliches oder Schulamt übernommen zu werden, konnten keine akademische Würde mehr erlangen, keine Advokatur oder ärztliche Praxis betreiben. Diese harten Beschränkungen galten damals für alle Staaten des Deutschen Bundes.

Die Warnung, sich einer studentischen Verbindung anzuschließen, richtete sich vor allem an die eigenen Landeskinder, „indem auf ihr Betragen in dieser Beziehung bei künftiger Anstellung ganz vorzügliche Rücksicht genommen werden soll.“

Da sich die Verbindungsmitglieder durch allerlei Abzeichen kenntlich machten – Kopfbedeckungen, Kleidung, Tabakspfeifen mit besonderen Symbolen – war auch das Tragen solcher Utensilien als Hinweis auf illegale Verbindungen bei angedrohter Karzerstrafe verboten: Bei Widerhandlungen konnte die Strafe bis zum consilio abeundi gesteigert werden.

Fechtgesellschaften durften nur stattfinden, wenn ein bei der Universität angestellter Fechtmeister die Aufsicht führte.

Fleiß, Sitte und Anstand standen hoch im Kurs

Da die Göttinger Universität „wegen des Fleißes und der guten Sitten der daselbst Studierenden“ in „vortheilhaftem Ruf“ stand, war man darauf bedacht, dass dieser auch erhalten blieb. Die Zeugnisse, die die Universität ausstellte, enthielten daher nicht nur Angaben über den Fleiß und die Dauer des Aufenthalten, sondern auch über das sittliche Verhalten. Dazu gehörten auch die Beziehungen zum anderen Geschlecht. Ein Student durfte sich ohne Zustimmung der Eltern oder Vormünder nicht verloben, auch wenn er die Ehe eidlich versprochen oder bereits Beischlaf stattgefunden hatte. In letzterem Falle musste er die landesgesetzlichen Unzuchtsbrüche, wie sie im Landrecht festgelegt waren, bei der akademischen Obrigkeit entrichten.

Wer dem „Zweck des akademischen Aufenthaltes“ nicht nachkam, also die Vorlesungen und Kollegs nicht fleißig besuchte, konnte von der akademischen Obrigkeit vorgefordert werden, um dort Rechenschaft abzulegen. „Unfleißige“ wurden verwarnt und mussten nach angemessener Zeit eine Bescheinigung ihres Fleißes vorlegen. Kamen sie dieser Aufforderung nicht nach, wurde ihnen die Studierberechtigung entzogen. Außerdem mussten sie die Stadt verlassen.

Als besonderer Luxus wurde angesehen, wenn sich ein Student Pferde hielt. Das war im allgemeinen nur Studenten „von Stand“ erlaubt, die entweder einen Hofmeister bei sich hatten oder ausdrücklich von den Eltern oder Vorgesetzten dazu berechtigt waren.

Wer in seiner Lebenshaltung unverhältnismäßigen Aufwand betrieb, geriet allzu leicht in Schulden. Ihm drohte ein Verweis, auch wurden bei Bekanntwerden des Schuldenmachens die Eltern und Vormünder informiert. Wurden die Schulden nicht in angemessener Zeit beglichen, wurde der Student in den Karzer gesteckt, „bis zur Liquidation der rechtmäßigen Forderungen“, und danach von der Universität verwiesen.

Ein besonderes Augenmerk hatte man auf Glücksspiele, z.B. Hazard, wenn Geld oder Sachwerte gesetzt wurden. Hier spielte es keine Rolle, ob man diesem Laster innerhalb der Universitätsstadt nachgegangen war oder außerhalb. Auch hierbei gab es die Steigerung vom Verweis über den Karzer bis zur zwangsweisen Exmatrikulation. Außerdem erhielt der Denunziant eine Gebühr. Besonders scharf ging man gegen diejenigen vor, die „Bank gehalten oder (ihr) Zimmer zu Hazard-Spielen hergegeben“ hatten.

Gesellige Spiele waren hingegen erlaubt, sofern man nicht darüber den Studienbetrieb versäumte. Offenbar gab es in der Universitätsstadt aber auch „Spieler von Profession“. Sie wurden „durch consilium abeundi oder Relegation sofort von der Universität entfernt.“ Der Denunziant erhielt fünf Louisd’or Belohnung.

Von der Beleidigung zum Duell

Mit dem Studentenleben vergangener Jahrhunderte verbindet man auch stets Vorstellungen vom Duellieren. Alle „Injurien und Beleidigungen“ sollten jedoch von vornherein vermieden werden, da sie sonst mit den üblichen Strafen der Universität geahndet oder nach „gemeinem Recht“ untersucht oder bestraft wurden. Die Strafe verschärfte sich, wenn Personen der Stadtverwaltung oder anderer öffentlicher Behörden bei Ausübung ihres Amtes beleidigt wurden. Aber auch Reisen und Fremde, neu angekommene Studierende, Hauswirte, Jahrmarktsschausteller oder Aufsichtsführende auf Schützenhöfen und bei Tanz- und anderen geschlossenen Gesellschaften sollten so geschützt werden. Selbsthilfe war grundsätzlich untersagt.

Duelle oder Zweikämpfe – auch jegliches Mitwirken dabei – waren grundsätzlich verboten. Kam jemand dennoch bei einer solchen Auseinandersetzung ums Leben, so war dieser Fall nicht nur disziplinarisch zu ahnden, sondern nach der Kriminalgesetzgebung zu verfolgen. Trotz des generellen Verbotes des Duellierens setzten sich die Universitätsgesetze dennoch mit vielen Einzelheiten auseinander, vor allem auch mit der Rolle der Mitbeteiligten, wie „Anhetzer, Cartellträger (= Überbringer einer Herausforderung) oder Sekundanten.“ Ob die Duelle mit der Pistole oder „auf den Stich“ ausgetragen wurden, spielte dabei keine Rolle. Die Waffen wurden beim Strafverfahren eingezogen.

War beim Duell kein Arzt anwesend, so hatten die Beteiligten im Falle der Verwundung unverzüglich einen Fachmann zur weiteren Behandlung zu rufen. Besondern wird auf die Austragung eines Streits mit „Rappiren“ (= Fechtdegen) hingewiesen. Wer dabei jemanden verwundete, kam je nach Art der Verletzung zwei bis vier Tage in den Karzer.

Sonstige disziplinarische Verfügungen

Offenbar ging man davon aus, dass Studenten mehr als andere Gruppen zu Tumulten, Aufständen und allerlei Unsinn neigten. Zahlreiche Paragraphen regelten daher die einzelnen Vorkommnisse. Verdächtig war schon der Ausruf „Burschen heraus!“ Verkleidungen, Maskieren oder eine andere Art sich unkenntlich zu machen, war verboten. Besonders erwähnt werden unter den Straftaten das Beschädigen von Laternen oder Brunnen und das Einwerfen von Fensterscheiben, Störungen des Gottesdienstes, öffentlicher, besonders akademischer Feiern oder der Vorlesungen in der Universität, aber auch das Abreißen von Anschlägen am Schwarzen Brett.

Besonderen Schutz genoss das „königliche Militair“. Den Soldaten gegenüber sollten sich die Studenten „bescheiden“ verhalten und sich in keine militärische Angelegenheit einmischen. Fühlte sich der Student jedoch von einem Militärangehörigen ungerecht behandelt, konnte er den Vorgang bei seiner „akademischen Obrigkeit“ anzeigen, die ihn dann beim Garnisongericht vertrat.

Öffentliche Aufzüge, mit oder ohne Musik, bedurften der ausdrücklichen Erlaubnis. Der Anreiz dazu dürfte auch nicht besonders groß gewesen sein, da damit verbundene „theatralische Vorstellungen“, Verkleidungen, ja sogar das Vivat-Rufen und lautes Singen verboten waren. Das Wirtshaus hatte der Student bis abends 10 Uhr zu verlassen.

Wer sich betrank oder „überhaupt sich dem übermäßigen Genusse berauschender Getränke“ hingab, musste damit rechnen, dass eine entsprechende Bemerkung in das akademische Zeugnis kam.

Kein Rauchen auf der Straße!

Obwohl bereits durch die allgemeinen Polizeivorschriften geregelt, wurde den Studierenden insbesondere verboten:

„1. Das Ausschütten und Auswerfen (von Unrat) auf die Straßen, bei Strafe von einem Gulden.

2. Das Rauchen, imgleichen das Führen der Tabackspfeife oder Cigarre in der Hand, das Ausblasen oder Ausklopfen derselben auf der Straße, in der Allee, auf dem Walle, den öffentlichen Plätzen der Stadt oder auch in den Hausthüren – bei Verweis und Strafe von 1 Rthlr.

3. Das öffentliche Erscheinen in unschicklicher Kleidung, z.B. im Schlafrocke, bei gleicher Strafe.

4. Das Fahren und Reiten in der Allee, auf dem Walle und auf dem Fußbänken (= Fußwegen), imgleichen das schnelle Reiten und Fahren in den Straßen der Stadt, bei gleicher Strafe.

5. Das Schlittenfahren in der Stadt während des Gottesdienstes, bei 2 Rthlr. Strafe.

6. Das Gehen in den Fleischscharren (= öffentlicher Fleischverkauf), wenn solcher von den Fleischern besetzt ist; die Uebertreter werden mit Verweis bestraft.

Die in diesem § bestimmten Geldbußen sind zum Besten des Denuncianten....“

Zum Baden stand den Studenten ein Platz in der Leine vor dem Geismartore zur Verfügung, wo von einem Bademeister Aufsicht geführt wurde. Hier bestand auch die Möglichkeit, das Schwimmen zu erlernen.

Wer Medizin studierte, durfte – auch wenn er bereits examiniert und promoviert war – nicht ohne Autorisation der zuständigen Behörden praktizieren.

Studenten durften keine gefährlichen und überhaupt keine großen Hunde halten, erst recht nicht, sie zu den Vorlesungen mitzubringen. „Hühnerhunde“ waren jedoch erlaubt, da den Studierenden unter gewissen Bedingungen die Ausübung der Jagd zugestanden wurde. Dazu musste für 8 Gutegroschen beim Pedell der Universität ein Jagdschein gelöst werden.

Karzer, consilium abeundi, Relegation

Unter den im Gesetz aufgeführten Strafen ist die Haft im Karzer am interessantesten. Die Haft war normalerweise unmittelbar nach Verlassen der Gerichtsstube anzutreten und war ununterbrochen abzusitzen. War sie auf mehr als sechs Tage erkannt, so wurden die übrigen Tage in die folgenden Semesterferien gelegt. Wer sich zu der angesetzten Zeit nicht einfand oder sich im Karzer unruhig verhielt, musste mit einer Verlängerung der Strafe rechnen. Nur gewöhnliche Speisen und Getränke standen dem Inkarzerierten zu. Kontakte zu anderen Häftlingen gab es nicht. Besuch von Studierenden waren nicht gestattet. Wer wegen Schulden eingesperrt war, durfte Besuch von Gläubigern und Rechtsberatern empfangen. Nur in seltenen Fällen konnte eine Karzerstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt werden.

Neben der Karzerstrafe gab es das Disziplinierungsmittel des consilium abeundi. Darunter verstand man eine temporäre Verweisung von der Universität und aus dem Gebiet ringsum im Radius von vier Meilen. Eine Verkürzung dieser Strafe konnte nur durch das Universitätskuratorium in Hannover ausgesprochen werden, also nicht vor Ort in Göttingen.

Die Relegation war eine Erweiterung des consilium abeundi und erstreckte sich auf vier Jahre. Sie wurde am Schwarzen Brett offiziell bekannt gemacht und auch den Universitätslehrern und Polizeibehörden mitgeteilt. Der Verurteilte galt mindestens für die Zeit der Relegation als ehrlos. Eine Wiederaufnahme auf der Göttinger Universität war nicht möglich.

In einem der letzten Paragraphen heißt es schließlich:

„Wir haben das Recht, zu erwarten, daß die Studirenden aus den hiesigen Landen, so wie alle durch Freitische und Stipendien Unterstützten, sich durch gutes Betragen und durch Fleiß vorzüglich auszeichnen werden...“

Von Adolf Meyer