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Celle Stadt Leidenschaftslos im Celler Sophien-Stift
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Leidenschaftslos im Celler Sophien-Stift
15:38 29.05.2015
Tenor Christoph Rosenbaum und seine Klavierbegleiterin Renate Bitzer bei ihrem Konzert im Festsaal des Sophien-Stiftes. Quelle: Alex Sorokin
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Rund hundert erwartungsvolle Zuhörer füllten am Donnerstag den Festsaal des Sophien-Stiftes, um sich von Christoph Rosenbaum (Tenor) und seiner Klavierbegleiterin Renate Bitzer mit musikalischem „Dolce Vita“ verwöhnen zu lassen. „Schmachten Sie mit“, lautete die Einladung des Duos in seiner Konzertankündigung. Doch wenn – wie geschehen – das Publikum am Ende darauf verzichtet, sich eine Zugabe zu erklatschen, kann von einem vorangegangenen „Genießen Sie mit allen Sinnen“ kaum die Rede sein.

Altitalienische und neapolitanische Opern- und Belcanto-Arien, in denen von seinerzeit prominenten Komponisten wie Allessandro Scarlatti, Giuseppe Giordani, Antonio Caldara und den Bononcini-Brüdern das süße Leben mit all den Liebessäuseleien und -schmerzen wachgeküsst wurde, wurden zu Gehör gebracht. Doch Rosenbaum ließ hinsichtlich Intonationskultur, Geschmeidigkeit und Tonschönheit viele Wünsche offen. Seinen Interpretationen fehlte neben den Nuancen und tenoraler Strahlkraft einfach die Leidenschaft des Ausdrucks, dieses dramatische und magische Ausleuchten von intimen und individuellen Gefühlswelten.

Vieles der potenziellen Delikatesse und Spannung war nur zu erahnen. Da unterschieden sich die Arien wie „Caro mio ben“ von Giuseppe Giordani oder „Alma del core“ von Antonio Caldara, die von anbetender Liebe erzählen, nicht wesentlich von denen mit eher neckischem Charakter wie „Nel cor piu non mi sento“ aus Giovanni Paisiellos komischer Oper „La bella molinara“. Und um was es in dem jeweiligen Lied ging, war weder seiner kaum wandlungsfähigen Stimme noch seiner ausdruckslosen Mimik zu entnehmen.

Dazu kam, dass auch Abstimmung und Klangbalance zwischen Gesang und Klavierbegleitung in sich nicht stimmig waren. Bitzer übertönte nicht nur mit unsensiblem Forte und unangemessenen Staccati-Attacken die ohnehin schon relativ schwache Gesangsstimme, sie lief dieser mitunter auch noch davon. „Da waren wir ein wenig auseinander, aber das kommt in den besten Opernhäusern vor“, räumte Rosenbaum an einer besonders peinlichen Stelle selber ein.

Tatsächlich war jeder von ihnen so mit seinem eigenen Notenblatt beschäftigt, dass es an gegenseitiger Aufmerksamkeit fehlte. Die bei Evergreens und Gassenhauern wie „Santa Lucia“, „O sole mio“ oder „Funiculi, Funicula“ dennoch aufflammende Begeisterung unter den Zuhörern war daher auch weniger den Interpreten geschuldet als dem Umstand, bei den populären Liedern in Träumen und Erinnerungen schwelgen zu können. Um so enttäuschter war man, dass Rosenbaum es bei „O sole mio“ bei nur einer Strophe beließ.

Von Rolf-Dieter Diehl