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Celle Stadt Lessings „Miss Sara Sampson“ feiert Premiere im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Lessings „Miss Sara Sampson“ feiert Premiere im Celler Schlosstheater
16:55 23.05.2014
In Lessings Klassiker „Miss Sara Sampson“ stehen - Lea Willkowsky, Marc Vinzing und Bianca Warnek (von links) - auf der großen Bühne des Celler Schlosstheaters. Quelle: Benjamin Westhoff
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Über manche Anrufe freut man sich besonders. So ging es auch Lars Wernecke, als er das Angebot erhielt, „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing am Celler Schlosstheater zu inszenieren: „Ich habe das Stück immer schon gemocht.“

Selbstredend kann der Regisseur diese Vorliebe begründen: „Es entwickelt einen ganz speziellen Sog. Andere Werke Lessings sind doch mehr ausgearbeitet und kommen ziemlich mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Hier heißt es ja, er habe den Text in sechs Wochen heruntergeschrieben.“ Und zwar, wie eine allerdings nie eindeutig verifizierte Legende es will, aufgrund einer Wette mit dem Philosophen Moses Mendelssohn. Nach einem gemeinsamen Theaterbesuch soll Lessing behauptet haben, er können binnen anderthalb Monaten ein Stück hinfetzen, „das alte Weiber zum Heulen bringt“. Apropos: Wird es im Celler Schlosstheater denn etwas zum Heulen geben? „Ich lege es nicht darauf an“, sagt Wernecke. „Aber wenn hier und da die Augen feucht werden, würde es mich auch nicht stören.“

Schließlich handelt es sich um ein Trauerspiel, und zwar um ein einzigartiges: Bei der Uraufführung im Jahre 1755 war es das erste, das in bürgerlichen Kreisen spielte – auf den spinnerten Adel oder sonstige Paralleluniversen konnte man also nicht mehr verweisen, „und die Götter mischen sich hier auch nicht ein“, wie Wernecke betont.

Mellefont, ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit, will ein neues Leben beginnen und brennt mit seiner jungen Geliebten Sara Sampson durch. Doch sowohl Saras Vater als auch Mellefonts Ex bleiben dem Paar auf den Fersen, und schließlich geht so ziemlich alles schief, was schief gehen kann – einige der Protagonisten werden die Handlung nicht überleben.

Für Wernecke ein durchaus aktueller Stoff, was sich etwa in den Kostümen niederschlagen soll: „Es ist heutige Kleidung. Wenn ein historisierendes Element auftauchen sollte, dann nur, weil das in der angesagten Mode auch vorkommen kann. Man braucht sich ja nur Thomas Gottschalk anzuschauen …“

Auch den Text hat der Regisseur angepasst: „Es gibt einige Begriffe, die heutzutage eher befremden würden, ,Frauenzimmer’ zum Beispiel, oder wenn immer wieder die ,Tugend’ ins Spiel kommt. Da habe ich manches ersetzt. Es ist aber auch vorgekommen, dass ich wieder zum Original zurückgekehrt bin: Als etwa von ,Liebeshändeln’ die Rede ist, hatte ich zuerst ,Beisammensein’ genommen, aber das war mir dann doch zu schwach.“ Zudem hat es Kürzungen gegeben: „Manchmal erklären sich die Figuren sehr ausführlich. Das kann man in meinen Augen ohne Substanzverlust etwas raffen.“

In einigen Theaterklassikern ist die Titelfigur nicht unbedingt die dankbarste Rolle – so hat es seine Gründe, dass bei einem anderen Lessing-Stück, nämlich „Minna von Barnhelm“, viele Darstellerinnen lieber die freche Zofe Franziska spielen als die Minna. Auch Sara Sampson ist von diesem Schicksal bedroht, aber gerade weil Wernecke um diese Gefahr weiß, will er ihr angemessen begegnen: „Darstellerin Lea Willkowsky kann recht burschikos agieren. Unsere Sara wird jedenfalls nicht nur so ein Mäuschen sein.“

Der Regisseur hat übrigens ein Alleinstellungsmerkmal an seinem Stoff ausgemacht: „Ich kenne überhaupt kein anderes Theaterstück, in dem so viel gelogen wird. Und weil der Zuschauer immer mehr weiß als die Figuren, entsteht eine ganz eigenartige Spannung.“ Tränchen im Auge hin oder her.

Von Jörg Worat