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Celle Stadt Letzte Vorstellung der alternden Diva
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Letzte Vorstellung der alternden Diva
14:13 17.02.2010
Einziger Zeuge der letzten Vorstellung der alternden Diva (Sibylle Brunner) ist ihr Hausangestellter (Dennis Junge). Quelle: Quast
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„Der graue Engel“: Dieser Stücktitel erinnert doch an irgendwas? In der Tat – Autor Moritz Rinke hat dem Engel einen Farbwechsel verpasst und das Blau übertüncht. Bei der Malersaal-Premiere am Freitag wird das Publikum eine alte Dame erleben, die sich von der Welt zurückgezogen hat. Und es wird natürlich an Marlene Dietrich denken. Zumal die Ausgangssituation die letzten Jahre der Diva heraufbeschwört: Im Bett liegend, lässt da jemand die Vergangenheit Revue passieren, erinnert sich an Erfolge und Liebschaften. Die Stimmungen wechseln, und allein ein Hausangestellter ist Zeuge dieser letzten Vorstellung eines Stars.

Aber ist die Figur denn für Regisseur Jan Bodinus tatsächlich einzig und allein Marlene Dietrich? „Sie könnte es sein, oder aber eine Frau, die sich das einbildet“, lautet die Antwort. „Wir lassen das bewusst offen. Auf jeden Fall ist es jemand, der sich mit der Biographie der Dietrich sehr gut auskennt. Und auch die Lieder singt – die werden hier allerdings manchmal anders klingen, als man das gewohnt ist. Letztlich handelt das Stück von ganz elementaren Themen wie Vergänglichkeit oder Sehnsucht.“

Welche Beziehung hat Darstellerin Sibylle Brunner zu Marlene? „Ich habe die damals schon irgendwie bewundert. Ob sie als Schauspielerin wirklich so toll war, weiß ich nicht, aber ich hatte alle Platten von ihr, und mich hat auch fasziniert, wie sie ihr Leben geführt hat. Aber bis zur Verehrung ist es nicht gekommen – ich glaube, dafür bin ich sowieso nie der Typ gewesen.“

Der Stücktext hat in der Umsetzung gewisse Veränderungen erfahren. Er ist kräftig eingedampft: „Sonst hätte die Vorstellung dreieinhalb Stunden gedauert“, schätzen Regisseur und Darstellerin übereinstimmend. Jetzt sollen es nurmehr zwischen 80 und 90 Minuten werden: „Wir haben zum Beispiel sämtliche Regieanweisungen herausgenommen“, erläutert Bodinus. „In unserer Szenerie gibt es überhaupt keine Beeinflussungen von außen.“ Wie sieht die Bühne aus? „Ein großes Bett, ein Klavier, viele Koffer. Am Anfang wirkt das alles ganz ordentlich. Aber so bleibt es nicht.“ Das besagte Klavier wird Dennis Junge bedienen, dessen Rolle als Hausangestellter Konstantin ohnehin aufgewertet wird: Im Originaltext durchgehend zur Stummheit verdammt, soll Konstantin nun etwa auch ein wenig Text bekommen.

Sibylle Brunner war die erste Darstellerin des „Grauen Engels“ überhaupt, hat allerdings nicht in der Uraufführung gespielt. Was daran liegt, dass das 1995 geschriebene Stück zunächst in einer sehr rudimentären Werkstattinszenierung bei den hannoverschen „Autorentheatertagen“ aufgeführt wurde. Von daher findet die Akteurin auch, die Arbeiten von damals und jetzt seien „nicht zu vergleichen“. Autor Rinke hat sich übrigens damals dahingehend geäußert, dass er Sibylle Brunner für die ideale Besetzung halte.

Nun sprechen wir diesmal ja über die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Sohn. Zwar haben Jan Bodinus und Sibylle Brunner während ihrer Zeit im Ensemble des hannoverschen Staatsschauspiels gemeinsam auf der Bühne gestanden, aber die jetzige Konstellation ist völlig neu. Beide betonen – es sei daran erinnert: unabhängig voneinander – die sehr enge und absolut professionelle Kooperation, bei der es natürlich auch Auseinandersetzungen gegeben hat. Wenn Bodinus eher beiläufig davon spricht, seine Mutter sei eine „tolle Schauspielerin“, hört man eindeutig den Theatermann heraus und nicht etwa den Sohn, der sich zu einer Charmeoffensive verpflichtet fühlt. Die Antwort auf die Frage nach dem bisherigen Resümee der Arbeit mag indes neben dem beruflichen auch den privaten Bereich betreffen. Beide geben jedenfalls genau dieselbe: „Ich glaube, wir kennen uns jetzt besser als vorher.“

Von Jörg Worat